• Nachhaltigkeit,  unser Dorf

    „Alle großen Bäume gefällt“

    Wir brauchen dringend Regen. Wieder so ein Satz, den ich früher in der Stadt nie gesagt hätte. Da bedeutete Regen, dass ich nicht Fahrrad fahren konnte und mit der U-Bahn dauerte alles doppelt so lang. In der Stadt hab ich Sätze gesagt wie: „Hast du das neue Stück von René Pollesch gesehen?“ Aber seit ich auf dem Dorf wohne, bin ich so weit, dass ich René Pollesch für eine alte Apfelsorte halte. Also, es fehlt Niederschlag. Wir sitzen hier schon wieder seit Wochen auf dem Trockenen und meine Beete bekommen Risse wie meine Schienbeine im Winter. Die Kinder finden das natürlich spitze. Bei anhaltenden Hochdruckgebieten dürfen sie die Gärten und…

  • Mamaaa!!!,  Nachhaltigkeit

    Lass fetten, Baby!

    Ich bin Trendsetterin. Ich war dem shampoofreien Haarwasch-Trend „No-Poo“ um Jahre voraus. Bei mir hieß das allerdings „auftrittsfreie-Zeit“. Als dann No-Poo durch die Medien geisterte, dachte ich zunächst, dass sei wieder so ein verrückter Ernährungstrend aus Kalifornien, bei dem man nicht mehr kackt. To poo ist ja das englische Äquivalent zu Aa-machen. Aber nein, es bedeutet lediglich, sich ohne Shampoo die Haare zu waschen. Wow, was für eine Erfindung. Haben unsere Vorfahren zwar für Jahrhunderte praktiziert, aber echt crazy, was die Sozialen Medien da ausgegraben haben. Meal-Prep statt Fertiggerichte. Essigessenz statt Allzweckreiniger. Bienenwachstücher statt Alufolie… es wird ja immer wieder als Mega-Trend angepriesen, was für unsere Großeltern noch vollkommen selbstverständlich…

  • Nachhaltigkeit,  unser Dorf

    Mein Mann, der Messie

    Wir sind die Müllkippe des Dorfes. Mittlerweile hat sich rumgesprochen, dass man alles bei uns abladen kann. Alte Fenster, Balken, Fässer, kaputte Türen, Kameras, Kinderbetten… wozu haben wir denn den alten Stall? Was uns nicht gebracht wird, klaubt Friedolin vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass er Messie-Tendenzen entwickelt. Man kann unser Nebengebäude kaum noch betreten. Wobei ich den Stall ohnehin nicht betrete. Dort hausen Spinnen, groß wie Suppenteller. Immerhin halten sie uns die Ratten vom Leib. Vielleicht behauptet Friedolin das aber auch nur, damit er im Stall seine Ruhe vor mir hat. Doch jedes Mal, wenn ich mit ihm schimpfe, weil er wieder eine Wagenladung…

  • Kinder,  Nachhaltigkeit

    Die hohe Kunst der Benötigung

    Der Fünfjährige schiebt sich den dritten Apfelpfannkuchen in den Mund. Und schielt gleichzeitig nach den belegten Broten, die eigentlich für die Erwachsenen gedacht sind. Die Siebenjährige begräbt ihren Teller währenddessen unter einem Berg Zimtzucker. Die Erwachsenen sind mit Quatschen beschäftigt, also hält sie niemand davon ab. Zum Glück sind wir ein paar Tage bei Friedolins Großeltern zu Gast. Bei dem, was unsere Kinder gerade essen, hätten wir sonst längst einen Kredit aufnehmen müssen. Eigentlich wollten wir Tagesausflüge in Dithmarschen unternehmen. Aber wir kommen vor lauter Mahlzeiten nicht dazu.„Nordseeluft und Wellen machen Kinder hungrig, das sagen alle Legenden“, sagt die Siebenjährige mit erhobenem Zeigefinger und vollem Mund.„Trotzdem ist jetzt mal gut“,…

  • Nachhaltigkeit

    Die Freiheit und die Tiere

    Mein Backenzahn ist durchgebrochen. Als ich auf ein Stück Toast gebissen habe. Anscheinend haben sogar meine Zähne Ermüdungserscheinungen. Vielleicht war es auch ein Zahnmaterialfehler. Stellt sich die Frage, bei wem ich den reklamieren kann. Vermutlich am ehesten beim lieben Gott. Aber bei dem hänge ich seit Corona in der Warteschleife.Die Siebenjährige hat sich sofort das abgebrochene Stück Zahn geschnappt.„Das lege ich unter mein Kopfkissen. Vielleicht fällt die Zahnfee ja drauf rein.“Im Auto auf dem Weg zum Zahnarzt höre ich sehr laute Musik, die weder ein rotes Pferd noch den Wunsch einen Schneemann zu bauen beinhaltet und denke: „Ach schön, kommste mal raus.“ Ein seltsames Gefühl von Freiheit stellt sich ein.…

  • Nachhaltigkeit,  Urlaub

    Strandgut und Meermüll

    Die Kinder haben jeder einen Hund. Böse Zungen behaupten zwar, dass sie lediglich zwei vergammelte Arbeitshandschuhe mit Geschenkband hinter sich herziehen. Aber die haben keine Ahnung. Die Hunde heißen Weggi und Weggä. Der Vierjährige ist gut darin Namen zu erfinden, die sich kein Mensch merken kann. Sie sind uns im letzten Dänemark-Urlaub zugelaufen. Wir waren auf unserem täglichen Müll-Sammel-Rundgang im Wattenmeer, als ich den Arbeitshandschuh fand, kurzerhand mit Plastikmüll ausstopfte, mit Geschenkband zuknotete und dem Vierjährigen in die Hand drückte. Eigentlich sollte er mir nur tragen helfen. Ich war schon beladen mit einem Geisternetz und zerrissenen Tüten voller Plastikflaschen, Batterien, Einwegrasierer und Luftballons. Der Vierjährige zog den Handschuh hinter sich…

  • Kinder,  Nachhaltigkeit

    Im Kleiderrausch

    Ich hocke in einem Meer aus gebrauchter Kinderkleidung und verzweifele. Die Kinder sind auch nicht gerade hilfreich. „Das ist mein Lieblings-Shirt“, ruft die 6-Jährige und durchwühlt den Stapel „Aussortiert“. „Ja, aber es ist zu klein“, sage ich nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag. Sie überhört mich demonstrativ und trägt das Shirt zurück zu ihrem Kleiderschrank. Währenddessen hortet der 4-Jährige alles von seiner großen Schwester mit Glitzer oder Blumen. Zum Glück ist er so eine coole Socke, das er für seine modischen Vorlieben im Kindergarten nicht gehänselt wird. Die Jungs im Dorf tragen eher Bürstenschnitt und dunkelblaue Sportklamotten. Der Übergang von Winter- zu Sommerkleiderschrank führt mich jedes Jahr an den…