Kinder

Geburtstagsinflation

Jeden Tag Geburtstag, je-den Tag Ge-bur-tstag. Wenn man den Satz spricht und dazu jede einzelne Wortsilbe trommelt, ergibt das einen treibenden Rhythmus. Das haben unsere Kinder vor zwei Jahren bei ihrem Trommel-Projekt gelernt und absolut verinnerlicht. Zur Zeit trommeln sie täglich zum Geburtstag. Erst hatte der kleine Drache Moni Geburtstag, dann der Puppenjunge Meon, dann wurden die Küken eine Woche alt und am Tag darauf hatte der Fünfjährige eine Feuerwanze gefunden, die zufälligerweise auch gerade Geburtstag hatte. Für Geburtstag muss die Picknickdecke ausgebreitet, das Puppengeschirr verteilt und mit Wiesenblüten geschmückt und natürlich gesungen und Topfschlagen gespielt werden. Dann wird ein Reinführkind ausgewählt, welches das Geburtstagskind (Drache/Puppe/Wanze) zu Tisch geleiten darf. Das geht allerdings selten ohne Streit von statten, weil jeder das Reinführkind sein möchte. Im Vorfeld müssen natürlich mit viel Tamtam und Geheimniskrämerei Geschenke gebastelt und verpackt werden und irgendjemand muss für Speis und Trank sorgen. Das wäre in diesem Fall ich. Für den ersten Geburtstag habe ich noch Kekse gebacken und Holunder-Schorle kredenzt, für den zweiten Geburtstag gab es die Reste vom Vortag, für den dritten Geburtstag steuerte die Oma unseres Nachbarmädchens Marmorkuchen bei und am vierten Tag hoffte ich, dass den Kindern das Spiel langsam langweilig werden würde, was aber natürlich nicht der Fall war. Sie fingen stattdessen an, sich selbst Geburtstagslieder auszudenken, um für Abwechslung zu sorgen, und schmierten Marmeladen-Knäcke als Kuchenersatz, da der Party-Service verhindert war und lieber Wäsche waschen als Kekse backen wollte. Gutes Personal ist ja so schwer zu finden.
Ich bin wahnsinnig stolz auf unsere Kinder. Auch wenn das Wohnzimmer mit Schnipseln vom Geschenke-Basteln übersät ist, wir ständig auf Geburtstagskekskrümel treten und entlaufene Wanzen wieder einfangen müssen, bin ich beeindruckt, wie gut die Kinder darin sind, es sich schön zu machen. Anstatt über den langweiligen Dauer-Lockdown zu jammern, nehmen sie ihr Glück selbst in die Hand. Denn letzten Endes liegt es an uns, ob wir uns von äußeren Umständen niederdrücken lassen oder es uns so einrichten, dass jeder Tag unseres Lebens ein Fest ist. Und dafür braucht es eigentlich nur Gänseblümchen und Holunder-Schorle.

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