Corona-Chronik

Fluchtfantasien

Die Kinder sind untröstlich. Eugen hat ihr Trampolin zerstört. Der gestrige Sturm hat einen baumgroßen Ast aus unserem Ahorn gerissen und direkt auf das Trampolin geschleudert. Die Siebenjährige presst stumm die Lippen zusammen, der Fünfjährige weint. „Ich weiß nicht, ob ich trauriger für unseren Ahorn oder für unser Trampolin bin“, sagt er und zeigt auf die deutlich lichtere Krone unseres Lieblingsbaums. So viele schlimme Stürme hat er überstanden, aber Eugen scheint mit Riesenfingern den gewaltigen Ast wie ein Streichholz abgebrochen zu haben, der wiederum im Fall mehrere kleinere Äste mitgerissen hat. Jetzt liegen sie alle auf dem Trampolin, das Netz ist an mehreren Stellen zerfetzt, die Stangen verbogen. Das große Trampolin ist seit Corona eine der wichtigsten Orte der Kinder: sie hüpfen, spielen und kuscheln jeden Tag darauf. Die Siebenjährige ist stolz, weil sie nach tagelangem Training endlich ein Salto mit stehendem Abschluss schafft.
„Vielleicht kann Papa das ja mit Kabelbindern reparieren“, sage ich wenig überzeugend, da unser ohnehin altersschwaches Trampolin wirklich mitgenommen aussieht. Außerdem hat Friedolin gerade andere Sorgen. Er muss heute die Küchendecke aufstemmen, damit die Installateure an die Rohre unseres darüber liegenden Badezimmers kommen. Nach monatelangem Warten auf Handwerker, die erst zu und dann kurzfristig wieder abgesagt haben, weil sie einen besseren Auftrag an Land gezogen hatten, beginnt heute endlich die Instandsetzung unseres Bades. Friedolin hatte in tagelanger Schwerstarbeit das Bad zurück in den Rohbau versetzt, Kacheln rausgekloppt, Fermacell-Wände rausgerissen, Rohre abgeschraubt und niesend Glaswolle entfernt. Jetzt ist der Schimmel endgültig besiegt, aber überall ist Dreck und Lärm und Trubel und das Wasser ist abgestellt.

Die Siebenjährige ist so unglücklich, dass sie nicht frühstücken mag. Ihre Schüssel mit Haferbrei steht unberührt auf der Ofenbank. Normalerweise würde ich ihr jetzt ein Schokoladen-Toast zur Aufmunterung machen, aber die Küche ist Sperrgebiet.
Das ist so einer dieser Morgen, an denen ich gern die Kinder und den Mann schnappen würde, um mich mit ihnen nach Fanø abzusetzen. In ein winziges Holzhaus direkt in den Dünen von Sønderho. Wir würden stundenlang über den endlosen Sandstrand wandern, Bernsteine und Treibholz sammeln, Drachen steigen lassen und den Robben beim Sonnenbad zusehen. Wir würden in den Dünen Verstecken spielen und den Spuren der Wildkaninchen, Rehe und Fasane folgen. Oder einfach gar nichts machen, außer in den weiten grauen Himmel zu schauen und uns den Meerwind um die Nase pusten zu lassen. Das wäre was. Einfach mal rauskommen und nichts tun. Vielleicht gehen wir gleich mal eine Runde zur Tankstelle.

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