• Kinder

    Hier sieht’s aus wie im Kindergarten

    Der Sechsjährige legt einen Haufen schmutzige Kiesel auf den Telefontisch im Flur.„Wieso legst du die da hin?“, fragt Friedolin.„Na, zur Deko.“„Und was hast du damit vor?“Der Sechsjährige schaut seinen Vater verständnislos an.„Nix. Die liegen einfach da. Zur Verschönerung.“Womit er den Sinn von Dekoartikeln ja ziemlich gut auf den Punkt gebracht hat. Ich betrachte die schmutzigen Kiesel und frage mich, ob sie für die diesjährige Herbstdeko wohl ausreichen. Mit dem Dekofeuerwerk der anderen Frauen des Dorfes kann ich ohnehin nicht mithalten. Mit all den kunstvollen Gestecken, ästhetischen Kränzen und motivierenden Sprüchetafeln. „UNSER HAUS IST VOLLER LIEBE, FREUDE UND LEBEN.“Unser Haus sieht immer aus, als hätte der Wind einen Haufen knallbunten Müll…

  • Gesellschaft,  Kinder

    Wahlkampf

    Die Achtjährige zeigt auf ein Wahlplakat von Armin Laschet und sagt:„Ist das der Mann, der Angela Merkel werden will?“„Naja, also, ganz so…“, sagt Friedolin.„Darf der das denn überhaupt“, fragt der Sechsjährige.„Was genau?“„Na, Kanzlerin werden?“„Der wird ja wenn Kanzler und nicht Kanzlerin.“„Wusste gar nicht, dass auch Männer Kanzlerin werden dürfen.“Da sag noch mal einer, gender-gerechte Sprache sei nicht wichtig. Wir sind auf dem Weg zum Markt in unserer kleinen Kreisstadt und dort hängen die Parteien nicht nur rum, sondern sich auch richtig rein. Ein freundlich lächelnder Kandidat der CDU kommt am Obststand auf uns zu und drückt der Achtjährigen eine Tüte Chips mit CDU-Logo in die Hand. „Könnt ihr ja heute…

  • Kinder

    Einschulungsfrisur

    Der Sechsjährige hat sich zur Feier seiner Einschulung die Haare schneiden lassen. Zum ersten Mal vom Profi und nicht von seiner stümperhaften Mama. Jetzt steht er vorm Spiegel und erkennt sich selbst nicht mehr.„Mama, da ist so ein Typ im Spiegel und der macht immer das gleiche wie ich. Ich so … und dann er so ….“Dann probiert er Posen wie ein zu heiß gewaschener Robert De Niro.„Du laberst mich an? Kann das sein, dass du mich meinst? Du redest mit mir?“Er ist gar nicht mehr vom Spiegel wegzukriegen.„Weißt du, es gab mal einen jungen Mann namens Narziss, der war so sehr in sein Spiegelbild vernarrt, dass ihn ein Gott…

  • Kinder

    Der Shopping King

    Der Fünfjährige ist im Shopping Fieber. Weil die Infektionszahlen niedrig sind, darf er zum ersten Mal seit sechs Monaten mit zum Großeinkauf. Das ist eine lange Zeitspanne in seinem Alter, daher hat er scheinbar alles aus der wunderbaren Welt der Supermärkte vergessen.„Papa, warum steckst du denn Geld in den Einkaufswagen? Willst du den etwa auch kaufen?“Schon am Eingang ist er außer sich.„Guck mal, so viele Gurken. Wir müssen unbedingt Gurken kaufen!!!“„Ok.“„Nee, WASSERMELONEN! Boah, das ist ja ein richtiger Wassermelonen-Berg“„Die hier?“, fragt Friedolin, was definitiv ein Fehler ist. Der Fünfjährige hüpft auf und ab wie ein Cartoon-Eichhörnchen:„Nee, warte mal, ich muss die schönste aussuchen. Die, nein, die, oder die, nee, die…

  • Kinder

    Die Taschen voller Sand

    Dinge, die ich als Mutter erst lernen musste, Teil 1: Beim Ausschütteln der Jungs-Hosen vor oder nach dem Waschen stets Schutzbrille tragen! Denn es ist immer Sand in den Taschen. Immer. Und in den Schuhen. Die natürlich nie draußen ausgezogen werden. Auch wenn wir noch nicht einmal in die Nähe eines Sandkastens gekommen sind. Ich weiß gar nicht, warum wir im Garten einen Sandkasten gebaut haben. Der im Haus hätte es doch auch getan. Einen Tag nicht staubsaugen, zack, schon haben wir eine Düne in der Wäschekammer. Selbst wenn ich die Hosentaschen vor dem Waschen penibel durchsuche und draußen ausleere, versteckt sich der Sand halt in den Beinumschlägen. Und weil…

  • Kinder

    Football’s coming home

    Der Sechsjährige ist am Boden zerstört. Erst gestern hatte er seine Liebe zum Fußball entdeckt und nun ist der Herzschmerz groß. Er war freudestrahlend aus dem Kindergarten gekommen und hatte: „Deutschland vor, noch ein Tor!“ gebrüllt und seine kleinen Fäuste in die Luft gestreckt, deren Daumennägel seine Kindergärtnerin schwarz-rot-gold lackiert hatte.„Weißt du überhaupt, was das bedeutet?“, hatte ich ihn gefragt und er hatte grinsend den Kopf geschüttelt. Fußball hatte bis gestern keinen Platz in unserem Leben. Die Achtjährige hat vor Jahren mal beim Kindergarten-Fußball-Turnier mitgespielt. Aber an dem Sechsjährigen ist Fußball bisher komplett vorbei gegangen. Manchmal kickt Friedolin mit den Kindern auf dem Rasen ein bisschen hin und her, was…

  • Kinder

    Klingelstreiche

    Die Kinder haben jetzt Bandennamen. Sie nennen sich „Süße Zitrone“ und „Vitaminfurz“. Die Decknamen sollen der Tatverschleierung dienen. Wenn die Achtjährige beim Klingelstreich ihrem kleinen Bruder: „VITAMINFURZ, LAUF WEG!“ zubrüllt, erschwert das ihrer Meinung nach die Nachverfolgung ihres Wohnsitzes. Als die Nachbarn trotzdem nur noch schmallippig grüßten, haben sie ihre Klingelstreich-Touren zu ihrer Großmutter nach Hannover verlegt. Sie können es sich nicht leisten, die Nachbarn im Dorf zu erzürnen, sonst schmälert das beim Martins-Singen die Süßigkeiten-Ausbeute. Und es ist schlecht fürs Geschäft. Weil es hier im Dorf ja keine Laufkundschaft gibt, müssen die Kinder Klinkenputzen, wenn sie Flohmarkt machen wollen. Neulich hat die Achtjährige beim Tür-zu-Tür-Flohmarkt 13 Euro verdient, weil…

  • Sommer

    Nackte Haut

    Jetzt, wo der Sommer endlich da ist, denke ich ernsthaft darüber nach, meinen Körper zu renovieren. Was wie jedes Jahr zu endlosen Diskussionen führt. Zwischen meinem 20jährigen Ich, das um die Jahrtausendwende zu viel Werbung geguckt hat und sich daher die Beine unter einem Wasserfall rasieren möchte. Und meinem erwachsenen 2021-Ich, das findet, rasierte Achseln seien so was von Germany’s Next Topmodel und einer emanzipierten Existenz nicht würdig. Am Ende einigen sich meine Ichs darauf, dass ich mir die Beine rasieren darf, bis ich Krampfadern bekomme. So kann jeder meine Grasmilbenbisse bewundern, die sich wie eine blutige Sternenkarte über meine Waden erstrecken und Zeuge meiner naturverbundenen Existenz sind. Die Achseln…

  • Corona-Chronik

    Ich bin völlig überfordert. Die Kinder sind seit dieser Woche zum ersten Mal seit Dezember jeden Tag zeitgleich in Betreuung. Ich wiederhole: Jeden Tag. Ich weiß gar nicht, was ich mit der ganzen kinderfreien Zeit anfangen soll. Doch, natürlich weiß ich es. Ich kann endlich arbeiten, ohne von einem Menschen unter 1,30 Metern gestört zu werden. 8:15 UhrIch klappe den Laptop auf. Da fällt mir ein, dass ich das Geburtstagsgeschenk für den Fünfjährigen noch bestellen muss. Aber natürlich nicht am Amazonas. Die haben in der Corona-Krise genug Geld verdient. Ich klicke mich durch diverse Kindershops, es gibt ja so niedliche Sachen für Kinder zu kaufen. Plötzlich ist es 9 UhrJetzt…

  • Corona-Chronik

    Echtes Leben

    Das normale Leben kehrt langsam zurück. Wobei sich die Frage stellt, ob es jemals normal war. Die Achtjährige darf ab sofort wieder mit ihrer gesamten Klasse in die Schule. Viele der Kinder hat sie seit Dezember nicht gesehen. Morgens hüpft sie nun erwartungsfroh zur Schulbushaltestelle und kehrt mittags gut gelaunt zurück.Der Fünfjährige wird seinen Kindergartenabschluss jedoch ohne uns feiern müssen. Als der Abschied geplant wurde, waren die Zahlen noch zu hoch, die Eltern müssen daheim bleiben. Es fühlt sich seltsam leer an, dass wir wegen Corona seit über einem Jahr überhaupt nicht an seinem Kindergartenleben teilhaben konnten. Wir durften das Gebäude nicht betreten, es gab keine Aktionen, kein Miteinander. Die…