Herbst

Herbst Tag-und-Nacht-Gleiche

Das Licht verabschiedet sich. Von heute an übernehmen die Nächte die Vorherrschaft, die Tage werden kürzer. Noch stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Aber schon bald werde ich die Kinder in absoluter Finsternis wecken und die Siebenjährige im Licht der einsamen Straßenlaterne zum Bus laufen sehen. Gestern haben wir zur Tag-und-Nacht-Gleiche unser erstes Herbstfeuer entzündet. Die Kinder schmückten unseren Jahreszeitenaltar mit Kastanien, Zapfen, Hortensienblüten und Kürbis. Friedolin röstete Räuberfladen über dem Feuer. Die Geduld der Kinder reicht immer nur für ein Stockbrot, den restlichen Teig backen wir in Fladen über der Glut. Eigentlich wollte ich ein Räucherritual zelebrieren und die Naturgeister um Schutz für die dunkle Jahreszeit bitten. Johanniskraut für das Feuer, Mädesüß für das Wasser, Angelikawurzel für die Erde und und Mistel für die Luft. Wir sind alle etwas aus dem Gleichgewicht, Räuchern hilft dabei, sich zu erden und zentrieren und wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Aber dann waren die Kaninchen ausgebüxt und wir jagten sie lange durch den Garten und dann dachte die Siebenjährige, der Abend wäre schon vorbei und löschte die Glut mit einer Gießkanne voll Regenwasser. Also fiel unser Räuchergut etwas trostlos auf nasse Asche, was für unsere derzeitige Situation aber auch irgendwie passend war. Wir haben uns dennoch für einen schönen Sommer und die reiche Ernte bedankt. Denn trotz Corona und unzähliger Verletzungen gibt es viel, für das wir dankbar sein dürfen. Wir haben diesen Sommer so oft gebadet wie nie zuvor, im See, im Meer, im Fluss und einmal sogar im Freibad. Unser Garten hat sehr unter der Trockenheit gelitten, dennoch ist unsere Speisekammer voll von frisch gemostetem Apfelsaft, von Johannisbeergelee und duftendem Tee, von gekochten Zucchini und Tomaten. Die Schnecken haben den Mangold verschont, was vor allem die Kaninchen freut, was wiederum die Kinder freut, weil sie ihn dann nicht essen müssen. Und bisher ist Corona an unserer Familie vorbei gegangen.
Die Kinder haben für die dunkle Jahreszeit nur einen einzigen Wunsch: Schnee. Der hat sich hier seit drei Jahren nicht blicken lassen. Letzten Winter sind sie einmal hysterisch vor Freude durch den Garten gesprungen, als für zehn Minuten nasskalter Schneeregen nieder ging. Sie können sich kaum noch an Schnee erinnern. Den letzten richtigen Winter haben sie 2017 in der Schweiz erlebt, wo wir sechs Wochen für eine Weihnachtsshow gewohnt hatten. In Zukunft wird es wohl eher Schnee- als Sonnentourismus geben. Im Sommer aalen wir uns bei 30 Grad an der Riviera unseres heimischen Baggersees, dafür werden wir im Winter den Schnee jagen müssen.
Nach altem Brauch hält man Erntedankfeste noch bis zum ersten Vollmond nach der Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ab, in diesem Jahr der 02. Oktober. Vielleicht wagen wir dann noch einmal einen Versuch, die Naturgeister gnädig zu stimmen. Damit die Kinder wenigstens einen Schneemann im heimischen Garten werden bauen können.

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