Kinder

Klingelstreiche

Die Kinder haben jetzt Bandennamen. Sie nennen sich „Süße Zitrone“ und „Vitaminfurz“. Die Decknamen sollen der Tatverschleierung dienen. Wenn die Achtjährige beim Klingelstreich ihrem kleinen Bruder: „VITAMINFURZ, LAUF WEG!“ zubrüllt, erschwert das ihrer Meinung nach die Nachverfolgung ihres Wohnsitzes. Als die Nachbarn trotzdem nur noch schmallippig grüßten, haben sie ihre Klingelstreich-Touren zu ihrer Großmutter nach Hannover verlegt. Sie können es sich nicht leisten, die Nachbarn im Dorf zu erzürnen, sonst schmälert das beim Martins-Singen die Süßigkeiten-Ausbeute. Und es ist schlecht fürs Geschäft. Weil es hier im Dorf ja keine Laufkundschaft gibt, müssen die Kinder Klinkenputzen, wenn sie Flohmarkt machen wollen. Neulich hat die Achtjährige beim Tür-zu-Tür-Flohmarkt 13 Euro verdient, weil sie mit ihrer Freundin Einmachgläser voll selbst gebrautem Kräuterduftwasser verkauft hat. Irgendwie sind die Kinder geschäftstüchtiger als wir, wenn es um alternative Verdienstmöglichkeiten geht. Aber wenn sie zu oft Klingelstreiche veranstalten, macht den Miniatur-Hausierern wohlmöglich keiner mehr auf.
Ich war unentschieden, ob ich den Kindern die Klingelstreiche verbieten soll. Meine Schwester und ich waren früher absolute Klingelstreich-Profis. Das Ganze artete in einem Kleinkrieg zwischen den Kindern der Siedlung und den Erwachsenen aus (die Welten waren ja damals noch streng getrennt), der damit endete, dass einer der grummeligen, alleinstehenden, alten Männer hinter der Tür lauerte und als wir klingelten, ein Mädchen schnappte, in sein Haus zog und damit drohte, ihr den Hintern zu versohlen, wenn wir nicht endlich mit den Klingelstreichen aufhörten. Der kleine Bruder des Mädchens sprang dann wie eine Wildkatze auf den Rücken des Mannes, trommelte mit Fäusten auf ihn ein und brüllte: „Lassen sie meine Schwester los!“ Was der Mann auch tat und wir rannten in alle Himmelsrichtungen davon. Zur Strafe hängten wir dann an jede Laterne selbst gemalte Plakate, auf denen wir zu einem Kinderfest bei besagtem Mann einluden, mit Kakao und Dosenwerfen und Hüpfburg. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wirklich jemand kam.
Doch nun habe ich die Seiten gewechselt.
Ich empfinde rückblickend Mitgefühl für den renovierenden Familienvater, der jedes Mal mit der Farbrolle von der Leiter steigen musste, wenn wir sinnlos klingelten. Oder für die übermüdete Mutter, deren Baby gerade endlich eingeschlafen war. Oder für den einsamen Mann mit der Arthrose in den Knien. Verboten habe ich es den Kindern aber erst, als ein älterer Herr sie erwischte und, statt zu schimpfen, fragte: „Wollt ihr ’nen Taler?“ Dann drückte er den verdutzten Kindern jeweils 50 Cent in die verschwitzte Hand. Das war mir dann doch suspekt. Es wäre mir lieber gewesen, wenn er damit gedroht hätte, ihnen den Hintern zu versohlen.

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