Nachhaltigkeit,  unser Garten

Nofretete hat Schnupfen

Nofretete hockt kläglich auf der Fußmatte vor der Küche und atmet durch den Schnabel. Den Hühnern hat der Wetterumschwung von kalt zu warm zu kalt besonders zu schaffen gemacht. Jetzt drängen sie sich vor der Küche und versuchen, etwas warme Abluft zu ergattern. Außerdem sind sie gern in unserer Nähe. Wir kuscheln uns auch in die Küche, weil es in der Übergangsjahreszeit der einzige durchgehend geheizte Raum im Haus ist.
„Mama, ich glaube Nofretete ist ganz kalt“, sagt die Siebenjährige und schaut von ihrem Schreibheft auf. Also öffne ich die Küchentür, damit sie es etwas wärmer hat, aber sofort rennen die anderen Hennen in die Küche, um die Haferflocken unter dem Stuhl des Fünfjährigen aufzupicken. Nofretete niest. Was zwar sehr entzückend klingt, für das Hühnchen aber wirklich unangenehm ist. Ich setze Kamillensud auf, scheuche die anderen Hennen zurück in den Garten und greife mir das schniefende Huhn. Die Siebenjährige nimmt sie auf den Schoß und beruhigt sie mit Sonnenblumenkernen. Dann halten wir ihr die Schüssel mit Kamillensud unter den Schniefschnabel. Nofrete kollert und gluckt verunsichert, aber dann entspannt sie sich sichtlich unter den zärtlichen Zuwendungen der Siebenjährigen.
Nofretete ist mit ihren fünf Jahren schon eine ältere Dame. Sie legt keine Eier mehr und schläft abends am liebsten mit ihrer Freundin im Heunest und nicht mehr auf der Stange. Tagsüber nimmt sie ein Staubbad im verwaisten Tomatenbeet oder liegt mit ausgebreiteten Flügeln in der Sonne. Sie ist langsamer als die Junghennen. Wenn ich die Hühner zum Essen rufe, ist sie die Letzte, die über den Kiesweg angewatschelt kommt. Wir heben ihr immer etwas auf. In jeder anderen Haltungsform wäre sie längst getötet worden. Legehennen werden meist nach 12-15 Monaten getötet, wenn sie nicht mehr täglich Eier legen. Selbst Hobby-Hühnerhalter töten ihre Hennen oft spätestens nach drei Jahren, weil dann die Legeleistung stark abnimmt und die meisten kein Altersheim betreiben wollen. Hühner sind Nutztiere und wenn der Nutzen abnimmt, haben sie aus Sicht der Menschen keine Lebensberechtigung mehr. Ich finde das zutiefst unmoralisch.
Ich halte es da mit den Tierrechtlern, die Immanuel Kants Moralphilosophie für alle fühlenden Lebewesen auf der Erde anwenden. Der Kantianische Ansatz besagt, dass auch tierischem Leben ein Selbstzweck zugestanden werden muss und dass Tiere genau wie Menschen niemals als bloße Mittel angesehen werden dürfen. Für uns sind Hühner zum Beispiel keine Nutztiere, sondern Mitbewohner. Und als solche haben sie Rechte und Pflichten. Da sie den Abwasch nicht übernehmen können, überlassen sie uns Eier. Aber nur, wenn sie wollen. Meistens wollen sie nicht und verstecken die Eier so, dass wir sie nicht finden. Bei jedem Tier, dass ich in meine Obhut nehme, frage ich mich vorher: Was würde das Tier für sich einfordern, wenn es sprechen könnte? Und dann versuche ich, dem Tier seine Umgebung so zu gestalten, dass es ein möglichst selbstbestimmtes, artgerechtes Leben führen kann. Dazu gehört auch, dass ich mich um es kümmere, wenn es krank ist. Und dass es in Rente gehen darf, wenn die Zeit gekommen ist. Wenn wir Menschen von der Natur immer nur nehmen und nie etwas zurückgeben, kippt das empfindliche Gleichgewicht. In der Landwirtschaft könnte man den Preis pro Ei anheben und von der Differenz dem Huhn eine Rente auszahlen, mit der es dann im Hühneraltersheim sein Leben würdevoll zu Ende leben dürfte. Bei den Bruderhähnchen-Eiern waren viele Konsumenten bereit, einen Aufpreis zu bezahlen, damit die männlichen Küken nicht direkt nach dem Schlüpfen vergast werden. Ob Käufer auch bereit wären, einen Aufpreis zu bezahlen, damit ein Huhn nicht nur benutzt wird, sondern auch einen Teil seiner Lebenszeit um seiner Selbst willen existieren darf? Hühner sind intelligente, neugierige, soziale Wesen. Sie haben jedes eine eigene Persönlichkeit, wenn man sie nur lässt. Im Jahr 2021 sollten wir Menschen langsam aufhören, uns als Diktatoren der Schöpfung aufzuführen. Damit alles Leben auf diesem Planeten eine lebenswerte Zukunft haben kann.

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