Kinder

Der Schönhaitzsalong

Die Siebenjährige hat einen „Schönhaitzsalong“ eröffnet. Um das Geschäft anzukurbeln, verteilt sie selbst gemalte Werbezettel im Haus. Darauf stehen jedoch weder Preise noch die angebotenen Leistungen. Lediglich: „Schönhaitzsalong! Bitte Portmorne mitbringen„. Dieses Zurückhalten von Information hätte mich skeptisch machen sollen. Ähnlich wie bei windigen Umzugsunternehmen, die ein Pauschalangebot machen und hinterher immer noch was drauf schlagen, weil sie ansonsten leider den riesigen Pax-Kleiderschrank auf der Straße stehen lassen müssen.
Der Fünfjährige ist als Erster dran. Er muss allerdings ziemlich lange im Vorzimmer warten, weil das Salon-Schild noch nicht fertig ist. Schließlich klebt die Siebenjährige mit geschäftiger Miene einen Zettel an ihre Zimmertür:

„SchönHaitzSalong Zum goldenen Schlüssel: Negel machen, Hare machen, Gesicht schminken.“

Ich habe keine Ahnung, woher sie weiß, was ein Schönhaitzsalong ist, habe aber ihre 11-jährige Cousine in Verdacht. Die verwüstet derzeit täglich die Küche, um Gesichtsmasken anzurühren. Endlich öffnet sich die Tür und der Fünfjährige darf rein. Er handelt einen Sonderpreis aus, weil er auf Grund seines Gipsarms ja nur eine Hand hat, bei der man die Nägel machen kann. Ebenso wie er darauf besteht, dass wir zur Zeit sagen: „Jetzt geh mal Hand waschen.“ Und nicht Hände waschen.
Sie einigen sich auf 2 Cent. Was ich in Anbetracht der Tatsache, dass der Salon auf Grund von Corona verschärfte Hygieneanforderungen und einen höheren Personalaufwand hat, einen fairen Preis finde. Im Salon wird viel gekichert. Dann kommt der Fünfjährige mit knallroten Lippen wieder heraus. Sie haben exakt dieselbe Farbe wie der Lippenstift, den ich für die Bühne benutze. Er steht ihm definitiv besser als mir.
Als Friedolin kurze Zeit später aus dem Salon kommt, verlangt er direkt sein Geld zurück, weil ihn alle Nachbarskinder auslachen, die sich mittlerweile als Schaulustige eingefunden haben. Meine Bemerkung, dass die bunte Kinderschminke und die rosa Haarspange durchaus eine Verbesserung darstellen, hilft auch nicht gerade. Dann darf endlich ich rein, aber meine Laune sinkt schlagartig.
„Warum muss ich denn 20 Cent bezahlen? Die anderen haben doch nur 2 Cent bezahlt!“, frage ich.
„Du bist halt schon so alt, Mama“, sagt die Siebenjährige entschuldigend. „Da ist die Behandlung schwieriger.“
„Dann hätte ich gern das Alte-Leute-Verwöhnprogramm, ohne Schminke, dafür mit Gesichtsmassage.“
Die Siebenjährige drückt mich burschikos auf ihr Bett und beginnt, mein Gesicht großflächig in meiner teuren Weleda-Creme zu marinieren. Es ist erstaunlich entspannend. Als ich kurze Zeit später unsanft geweckt werde, fühle ich mich erfrischt und die goldenen Punkte und Linien unterstreichen durchaus meinen Typ. Wobei ich noch nie wusste, welcher das ist. Im Zweifel Friedolin. Dienstag und Donnerstag hat sie übrigens noch Termine frei.

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