Gesellschaft

Odin sagt: Keine Nazis in Walhall!

oder
Wem gehören die alten Bräuche?

„Sie mag Heilkräuter, Fantasyromane und die nordischen Götter“, sagt Friedolin und legt mir eine Reportage über eine Frau auf den Tisch, die sich in der rechten Szene radikalisiert hat.
„Vielleicht mag sie auch Toastbrot, Spaxschrauben und liest gern auf dem Klo“, sage ich. „Das haben die in der Zeitung halt weggelassen.“ Ich bin etwas dünnhäutig bei dem Thema. Natürlich möchte ich auf Grund meiner Interessen nicht mit Personen in einen Topf geworfen werden, die eine menschenverachtende Gesinnung propagieren. Wenn man sich in Deutschland für altes Brauchtum, germanische Götter- und Heldensagen oder Runenkunde interessiert, gerät man schnell in Erklärungsnot. Es stellt sich die Frage, ob man wegen Nazis, die unsere uralte Kultur missbrauchen, eben dieser Kultur aus dem Weg gehen muss. Auch wenn dieses Kulturgut mehr als 1000 Jahre älter ist als die NS-Ideologie.

Ich bin keine Neu-Heidin, ich bin eine naturverbundene Geschichten-Erzählerin. Für mich sind die Mythen um Wotan/Odin, Freia oder Frau Holle ebenso eine Säule unserer Kultur wie Erzählungen aus der Bibel oder von Zeus und seiner durchgeknallten Patchwork-Sippe.
Wir sind eine synkretistische Familie, das heißt, wir suchen uns aus jeder Säule aus, was zu uns passt. Klassischer Religionsunterricht in Schule und Kinderkirche, Naturverehrung und Jahreskreisfeste im Garten und Geschichten von Thor und Odin, von Zeus und Artemis am Lagerfeuer.

Für mich begann dieser Weg bereits als Kind. Ich fragte mich in Gottesdiensten oft, wo ich als Mädchen eigentlich meinen Platz habe. In einer Religion, in der DER Vater, DER Sohn und DER Heilige Geist das Zentrum bilden und Maria als Trägerin der Erbsünde und entsexualisiertes Wesen nur am Rande mitspielen darf. Warum ging es in der Bibel so oft um die Verehrung von Menschen und so selten um die Verehrung der Natur?
Ich streifte schon als Kind stundenlang allein durch den Wald und die Felder und fühlte mich mit den Bäumen und Bächen und Tieren um mich herum stärker verbunden als mit vielen Menschen, spürte die Anwesenheit des Göttlichen unter freiem Himmel und nicht in der Kirche. Ich las jedes Buch über amerikanische Ureinwohner, das ich in die Hände bekam, verbrachte Stunden in der Bibliothek. In ihren Mythen fand ich den Glauben an die beseelte Natur, die Kraft von Visionen und Träumen und Naturgeistern. Ich trauerte als Kind um diese verlorene Welt, über die Grausamkeit der Siedler und darüber, dass ich diesen Glauben nie würde leben können, weil es nicht meine Geschichte war.
Erst viel später, als ich mich für Heilkräuter und die Geschichte der Phytologie zu interessieren begann, entdeckte ich unsere Ahnen, die Kelten und Germanen und Wikinger. Ebenfalls naturverbundene Waldvölker, deren Bräuche und Mythen starke Ähnlichkeit mit denen der Native Americans aufweisen und bei denen weibliche Gottheiten und Heilerinnen eine große Rolle spielten. Vieles ist mit der Christianisierung verloren gegangen, wurde annektiert, verdreht, verteufelt. Später rissen die Nazis die Deutungshoheit an sich, in dem Versuch, die Herkunft einer arischen Rasse darüber zu legitimieren.


Ich habe mich früher auf meinen Reisen oft geschämt, aus Deutschland zu kommen. Wenn ich mit „Heil Hitler“ begrüßt oder behauptet wurde, dass in Deutschland ja immer noch fast alle Nazis seien. Ich habe oft den Satz als Kompliment gehört: „Du bist gar nicht so, wie wir uns Deutsche vorgestellt haben.“ „Doch“, habe ich dann trotzig geantwortet. „Ich bin genau so wie viele andere Deutsche auch: weltoffen, neugierig, freundlich, witzig, tolerant.“ Dennoch fühlt es sich für mich immer noch komisch an zu sagen: „Ich bin deutsch.“ Weil über allem Deutschsein der Schatten des Nationalsozialismus schwebt.
Aber gerade in Zeiten, wo die Menschen verunsichert sind, weil die Natur durch sie selbst und den Klimawandel bedroht ist, wo Flüchtlingsbewegungen die vertrauten Gesellschaftsstrukturen verändern, wo die Kirche für viele nicht mehr der Fels in der Brandung ist, gerade dann ist es umso wichtiger, sich fest in seiner Herkunft zu verwurzeln oder spirituelle Kraft aus seiner Umgebung zu ziehen. Damit man den neuen Umständen selbstbewusst, offen und mutig entgegen treten kann und sich nicht aus Angst rechter Propaganda in die Arme wirft.

Ja, es gibt im Neu-Heidentum völkische Strömungen, ebenso wie es auch rechte Christen gibt. Aber es gibt auch ökologisch oder universalistisch eingestellte Anhänger der Alten Sitte, des Asenglaubens, die sich aktiv gegen rassistische und demokratiefeindliche Weltanschauungen einsetzten. Frei nach dem Motto: „Odin sagt: Keine Nazis in Walhall!“

Ich finde, wir hätten nicht nur die Gesellschaft und Institutionen entnazifizieren sollen, sondern auch die alten Symbole, Geschichten und Bräuche. Sie gehören nicht den Nazis, sie gehören allen Menschen, die sich für ihre Herkunft, ihre Geschichte interessieren oder nach einem naturverbundenen Glauben suchen. Für unsere Kinder hat das Göttliche viele Namen, es ändert einfach seine Gestalt je nach Landschaft und Herkunft der Menschen. Es gibt für sie nicht den EINEN richtigen Glauben, für den es sich zu streiten oder kämpfen lohnt. Auch wenn unsere Tochter in letzter Zeit möchte, dass ich bei „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ nicht mehr „Gott, der Herr hat sie gezählet“ singe, sondern „die große Göttin hat sie gezählet“. Sie ist ein Mädchen und möchte einen Teil des Göttlichen auch für sich beanspruchen.

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