Gesellschaft

Zum 08. März

Heute werde ich wieder einmal daran erinnert, dass ich eine Frau und damit benachteiligt bin. Lasst die Korken knallen! Und dann wieder artig zurück zur Tagesordnung. Ich mag den Weltfrauentag nicht. Ja, Frauen in Deutschland sind stärker von Altersarmut betroffen, werden häufiger Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt und bekommen schlechteres Gehalt für gleiche Leistung. Ganz zu schweigen von dem Leid, das Frauen in anderen Gesellschaften erleiden müssen. Warum wir dafür einmal im Jahr eine Rose und einen Themenabend in der ARD bekommen, erschließt sich mir nicht. Das alles ist ja 365 Tage im Jahr Scheiße und sollte dementsprechend 365 Tage im Jahr verhandelt werden. Und damit Themenabende und Gedenktage überflüssig machen.

Als Teenagerin dachte ich noch: Was soll das ganze mit der Emanzipation? Ich bin in erster Linie ein Mensch. Ich bin ich. Das ist es, was zählt. Dann wurden zwei Mädchen in meinem Bekanntenkreis vergewaltigt. Und manche meiner Freundinnen schliefen mit Jungs, obwohl sie es nicht wollten. Weil sie beschimpft worden waren, als sie Nein gesagt hatten. Und es gab Lehrer, die mit Vorliebe Schülerinnen erniedrigten oder sich stöhnend dicht hinter sie stellten, weil sie es für einen grandiosen Witz hielten. Es folgte eine Reihe von Erlebnissen, die selbst mir in meinem privilegierten, mitteleuropäischen Mikrokosmos überdeutlich machten, warum Gleichberechtigung nur eine Phrase ist. Eine Utopie. Ich wachte langsam auf.
Manchmal musste ich davon laufen, weil ich eine Frau bin. Vor körperlichen Übergriffen in einsamen Parks, vor sexuellen Avancen von Vorgesetzten, vor erniedrigenden Strukturen auf der Arbeit. Manchmal versuchte ich zu kämpfen. Und zog doch immer den kürzeren, weil es für diese Art von Kämpfen den Rückhalt einer Gruppe braucht, den ich damals nicht hatte. Einer der Gründe, warum ich Kabarettistin geworden bin und nicht Journalistin oder Uni-Dozentin, war, dass ich es satt hatte, mich mit von männlichen Chefredakteuren oder Professoren erniedrigen zu lassen. Ich wollte nicht kämpfen. Ich wollte einfach nur sein. Aber vor diesem Kampf kann keine Frau davon laufen. Solange Geschlecht oder Sexualität, Hautfarbe oder Herkunft dem „einfach-nur-Mensch-sein“ entgegen stehen, hört der Kampf nicht auf.
Heute diskutiere ich mit männlichen Fernsehredakteuren, die mich die Krankenschwester ohne Pointe spielen lassen, während die männlichen Kollegen als Ärzte mit Haltung und Punchline besetzt werden. Ich streite mit Moderatoren, die mich „Hase“ nennen oder mir in der Garderobe zu nahe kommen. Mit Freundinnen, deren Ehemänner ihnen nahe legen, weniger oder gar nicht zu arbeiten, weil ihr Job weniger Geld einbringt und irgendwer sich ja um die Kinder kümmern muss. Ich streite täglich mit meinem Mann, weil uns die Geburt unseres zweiten Kindes und der Umzug aufs Dorf in alte Rollenmuster katapultiert hat, mit denen ich nicht glücklich bin. Weil sie mich an den Rand der Erschöpfung bringen und ich sie als zutiefst ungerecht empfinde. Wir Frauen haben uns viele Rechte erkämpft. Aber so lange wir das alte Bild der sich aufopfernden Hausfrau und Mutter mit uns herum tragen, werden diese neuen Rechte zur zusätzlichen Belastung anstatt Teil eines selbstbestimmten Lebens zu sein. Ich will keinen Frauentag. Ich will endlich einfach mal nur Mensch sein dürfen.
(…)
Schrieb die Mutter, während sie parallel mit dem Kind das Einmal-Eins übte und Mittagessen vorbereitete. Aber sich selbst auch irgendwo in der Rolle derjenigen gefiel, die alles gleichzeitig jonglieren konnte. Wenngleich sie dabei müde und vorwürflich war, Rücken- und Kopfschmerzen hatte und schon wieder ewig nicht zum Telefonieren oder Sporttreiben gekommen war, geschweige denn mal fünf Minuten nur für sich gehabt hatte. Aber so war es nunmal.

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