Kinder

Die Mamapizza

Ich habe meine endgültige Bestimmung gefunden: ich bin eine Pizza. Ich hatte gestern nachmittag einen toten Punkt. Er war nicht nur tot, er war schon am Verwesen. Also kippte ich kopfüber auf die Matratze im Tobeflur und rührte mich nicht mehr. Aber wie immer, wenn Mütter verwesende Punkte haben, waren die Kinder absolut unleidlich. Der Fünfjährige hockte sich auf meinen Rücken und quengelte ununterbrochen in mein Ohr: „Mama, holst du meinen Pferdestall vom Dachboden und spielst mit mir?“ Ich stellte mich tot, aber das interessierte ihn nicht weiter. „Mama, Mama, Mama, Mama.“ Also nuschelte ich in die Matratze:
„Ich weiß nicht, wo der Stall ist, frag Papa, der hat den hoch gebracht.“ Unser Dachboden ist ein riesiger alter Speicher, auf dem mittlerweile sämtliche lebende und tote Verwandte ihre Sachen zwischengelagert haben. Wenn einmal etwas auf diesem Dachboden landet, ist es nahezu unmöglich, es wieder zu finden. Daher verschleppt Friedolin gern Kinderspielzeug dorthin, das Platz weg nimmt und selten bespielt wird, in der Hoffnung, dass der Marder und die Mäuse es anknabbern und wir es dann endlich weg werfen dürfen. Falls wir es wieder finden. Weil ich mich also weiterhin weigere, den Pferdestall vom Dachboden zu holen, spielt der Fünfjährige jetzt Pferd mit mir und reitet auf meinem Rücken. Die Siebenjährige legt sich neben mich. Schön, sie will kuscheln, denke ich. Bis sie mit spitzen Fingern mein Augenlid hochzieht und sagt: „Mama, ich weiß nicht, was ich mir vom Christkind zu Weihnachten wünschen soll.“
„Aber du hattest doch schon Ideen.“
„Bisher habe ich nur: Ich wünsche mir Schnee und dass die Menschen weniger Plastik verbrauchen.“
„Nur was in Geschenkpapier geht“, kräht der Fünfjährige und kracht unsanft in meine Wirbelsäule. „Sonst kann das Christkind es ja nicht unter den Tannenbaum legen.“
„Mir fällt nichts ein, Mama, hilfst du mir, meinen Wunschzettel zu schreiben?“
„Gebt mir 10 Minuten, dann helfe ich euch“, sage ich matt, was natürlich niemanden interessiert. Beide stellen auf absoluten Quengelmodus.
„Wisst ihr was: ihr backt jetzt eine Pizza auf mir und wenn die fertig ist, helfe ich euch“, schlage ich vor.
Das finden sie fair und beginnen, den Teig, also meinen Rücken durchzukneten.
„Und jetzt?“, rufen sie.
„Jetzt muss der Teig ruhen“, sage ich.
„Aber beim Stockbrot sagst du doch immer, der Teig muss gehen“, sagt der Fünfjährige und versucht, mich hochzuziehen.
„Dann müsst ihr den Teig jetzt halt ausrollen“, sage ich.
Also rollen sie mich aus, bestreichen mich mit Tomatensoße, belegen mich mit Pilzen und Paprika und Käse und versuchen, mich in den Ofen zu schieben. Klappt nicht, ich bin zu schwer.
„Dann müsst ihr den Ofen um mich rum bauen“, sage ich. Finden sie eine Spitzenidee und fangen sofort an, mich mit Kissen und Decken zuzubauen.
„Und jetzt?“
„Jetzt muss die Pizza 20 Minuten backen“, sage ich.
„Prima, tschüss, Pizza“, rufen sie fröhlich und gehen einträchtig ins Kinderzimmer, um zu spielen. Ich liege ordentlich geknetet, breit und weich in meinem warmen, gemütlichen Ofen und denke: Ab heute gibt es jeden Tag Pizza.

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