unser Garten

Vogelfrühstück

Friedolin hat den Amseln ihr Frühstück weggefuttert. Der Fünfjährige und ich hatten heute früh mühsam Nüsse geknackt, gepult und klein geschnitten, mit Haferflocken, Sonnenblumenkernen und Rosinen vermischt und in einer kleinen Schüssel auf der Anrichte in der Küche stehen lassen, weil wir nach dem Regen das Vogelhaus damit bestücken wollten. Als ich kurze Zeit später in die Küche komme, ist mein verschlafener Mann gerade fertig mit seinem späten Frühstück und sagt:
„Das war aber mal ein reichhaltiges Müsli heute.“
„Was denn für ein Müsli? Wir essen doch nie Müsli?“, sage ich leicht verwirrt. Bei uns gibt eigentlich nur Haferflockenbrei mit Obst.
„Na, das in der Schale auf der Anrichte.“
„Das war Vogelfutter!“
„Ich hab mich schon gewundert, warum ihr so viele Nüsse geknackt habt.“
„Die waren für das Rotkehlchen und die Finken“, sage ich entrüstet.
„Für mich würdet ihr euch natürlich nicht solche Mühe machen“, sagt er leicht pikiert.
„Weil du im Besitz zweier funktionierender Daumen bist und dir gefälligst selbst Nüsse knacken kannst“, sage ich und verlasse schnaubend die Küche. Manchmal glaube ich, dass Friedolin auf einer anderen Umlaufbahn als wir durchs Universum trudelt. Die Vögel in unserem naturnahen Garten werden natürlich auch ohne uns satt. Aber die Kinder beobachten sie so gern am Futterhäuschen. Vogelfütterung dient ja ohnehin eher der Erheiterung der Menschen als dem Schutz der Vögel, da wir damit nur die Arten durchfüttern, die auch ohne uns wunderbar zurecht kämen.

40 Millionen Euro geben die Deutschen pro Jahr für Vogelfutter aus. Das ist ein Vielfaches von dem, was staatlichen Vogelschutzwarten und Naturschutzbehörden für den Schutz der heimischen Vogelarten an Mitteln zur Verfügung steht. Wenn wir diese 40 Millionen Euro also zum Erhalt von Schutzgebieten spenden würden, wäre den Vögeln deutlich mehr geholfen.
Das ist ja so ein Paradoxon des nachhaltigen Lebens. Wenn ich das Geld, das ich zum Beispiel für fair gehandelte Bio-Kleidung ausgebe, einfach direkt an NGOs spende, die sich in Ländern wie China und Bangladesch für menschenwürdige und umweltschonende Arbeitsbedingungen einsetzen, und die Klamotten statt dessen bei H&M kaufe, würde ich vermutlich mehr bewirken. Mich aber nicht unbedingt besser fühlen. Am besten wäre natürlich beides: spenden und fair einkaufen.
Zumindest bei den Vögeln kann ich mir das leisten. Wir füttern die Vögel recht kostengünstig, weil wir vieles über den Sommer gesammelt haben, und haben die Patenschaft für ein kleines Schutzgebiet der Deutschen Wildtierstiftung übernommen. Den größten Beitrag zum Umweltschutz leisten wir aber damit, dass wir unseren Garten im Herbst nicht aufräumen und viele heimische Sträucher und Bäume gepflanzt haben. Wir lassen Laubhaufen und Totholz liegen und Stauden stehen, wie die Samenstände von Disteln, Ringelblumen und Karden. Ans Futterhaus trauen sich bei uns ohnehin nur die Kulturfolger: Amseln, Meisen, Rotkehlchen, Buchfinken und das scheue Heckenbraunellen-Pärchen. Alle anderen sind Selbstversorger im wilderen Teil des Gartens. Dennoch glaube ich, dass unsere Kinder eine Menge beim Füttern und Beobachten der Vögel lernen. Dass sie dadurch noch naturverbundener und achtsamer im Umgang mit unseren wilden Mitbewohnern werden. Und das ist vermutlich die beste Investition in die Zukunft. Insofern hat Friedolin ihnen heute Morgen eine wichtige Lektion erteilt: wenn wir die Wildtiere vor etwas schützen müssen, dann vor uns gefräßigen Menschen.

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