unser Garten

Küken vs. Katze

Ich mache ab jetzt Küken-Yoga. Dafür dürfen die Küken mit ihrer Mutter in den umzäunten Gemüse-Garten auf Wurm-Jagd gehen, während ich mich neben ihnen verrenke. Wichtig ist nur, dass ich sie im Blick behalte, zur Not auch kopfüber, wenn ich mich gerade im Herbschauenden Hund befinde. Allein dürfen sie noch für Wochen nicht aus der sicheren Voliere. Ich mache mir weniger Sorgen um Krähen und Bussarde. Die Glucke ist wachsam und kampfbereit, beim kleinsten Laut aus der Luft warnt sie die Küken und die verstecken sich in der dichten Buchsbaum-Hecke oder unter riesigen Rhabarber-Blättern. Und Fuchs und Marder kommen erst in der Dämmerung, wenn die Hühner längst im sicheren Stall sind.
Angst habe ich vor den Katzen. Unser ultrazahmes Zwerghuhn Cordula wurde von einer Katze getötet. Neulich hat ein Kater einen stattlichen Eichelhäher bei uns im Garten erlegt. Die Eichelhäher haben bei uns gebrütet, ich hoffe sehr, dass die Küken trotzdem durchkommen. Tags darauf kam die Siebenjährige mit einer gerupften Meise in der Hand an, die sie einer Katze aus dem Maul gezogen hatte. Die Meise starb und unser Kind begrub sie.
Ich finde es ungerecht, dass ich meine Tiere einsperren muss, damit die Haustiere meiner Nachbarn in Seelenruhe in meinem Garten aus Spieltrieb töten dürfen. Natürlich brauchen Katzen Auslauf für ein artgerechtes Dasein. Aber meine Hühner brauchen das auch. Ich habe nichts gegen Katzen. Katzen sind toll. Herzchenemoji, Herzchenemoji, Herzchenemoji. Ich habe etwas gegen das System. Laut einer weltweit angelegten Studie der Universität Wien töten deutsche Katzen jährlich mehr als 50 Millionen Vögel und über 1 Milliarde Kleintiere. Schätzungen von Ornithologen zufolge sind 30 Vogelarten wegen Katzen vom Aussterben bedroht. Dennoch gibt es keine Regulierung für den Freigang von Katzen zur Brut- und Setzzeit oder für die Katzendichte in einer Nachbarschaft durch eine Katzensteuer. Offenbar gibt es eine mächtige Katzenlobby. Mit dem Neubaugebiet und Corona ist die Katzenpopulation in unserem 6,65 Quadratmetern großen Dorf explodiert, gefühlt hat mittlerweile jedes zweite Haus feline Mitbewohner. Im Vergleich dazu besetzt eine Wildkatze ein Revier von rund 500.000 Quadratmetern. Bei unseren Nachbarn ist ein fremder Kater in den Garten eingedrungen und hat vor den Augen der Kinder ihr Kaninchen getötet. Normale Hauskatzen jagen zwar höchstens mal gelegentlich eine Maus oder einen Vogel. Aber wenn ich einen riesigen, unkastrierten Kater mit ausgeprägtem Jagdtrieb besitze, der Hühner und Kaninchen in der Nachbarschaft tötet, sollte ich als Halter eigentlich verpflichtet werden, ihm einen gesicherten Auslauf zu bauen. Oder ihn nur nachts rauszulassen, wenn die Haustiere der Nachbarn eingesperrt und Jungvögel wieder im Nest sind. Für Hunde braucht man ja auch eine Leine und oder sogar einen Maulkorb und einen Hundeführerschein.
Aber nein, die Gesetzeslage sieht vor, dass ich meine Tiere vor den Katzen schützen muss. Das kann ich aber nur, wenn ich sie ganztägig einsperre und damit ihre Lebensqualität mindere. Und sollte ich mich mit einer Wasserpistole zur Wehr setzen, werde ich im schlimmsten Fall wegen Tierquälerei zu einem Bußgeld verurteilt.
Also bleibt mir nichts anders übrig, als Anstandsdame für die Küken zu spielen. Erst habe ich neben ihnen Unkraut im Gemüsebeet gejätet, was die Küken besonders gefreut hat, weil sie sich die dabei zutage tretenden Regenwürmer schnappen konnten. Die Regenwürmer fordern seitdem ganzjährige Stallpflicht für Hühner. Mittlerweile ist mein Acker unkrautfrei, also nutze ich die Zeit und mache Küken-Yoga. Dafür gesteht mir meine Familie ja sonst keine Zeit zu, zum Schutz der Küken geben sie mich aber gern frei. Also muss ich den Katzen am Ende sogar dankbar sein.

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