Kinder

Zettelwirtschaft

Die Siebenjährige muss einen Wunschzettel als Deutschhausaufgabe schreiben.
„Liebes Christkind, ich wünsche mir zu Weihnachten 1. kein Corona 2. Schnee.“
Als sie bei Punkt 10 angekommen ist, sage ich:
„Ist doch praktisch. Dann kannst du den hinterher direkt an das Christkind schicken.“
Sie schaut mich schockiert an. „Nein, Mama. Über eine Hausaufgabe würde sich das Christkind bestimmt nicht freuen. Für das Christkind muss ich einen ganz besonderen Wunschzettel schreiben.“
Die Siebenjährige liebt es, Zettel zu schreiben. Wunschzettel, Einkaufszettel, Beschwerde-Zettel, Sehnsuchts-Zettel, Zettel-Weisheiten. Gestern lag ein in Schönschrift geschriebener Zettel auf meinem Schreibtisch:
„Jeder Gegenstand ist wie ein Wesen, wenn man ihn richtig betrachtet.“
Darunter zwei Herzen mit einem Regenbogen verbunden.
„Wo hast du denn den Spruch her?“, frage ich sie.
„Den habe ich mir selbst ausgedacht“, sagt sie. Die Siebenjährige liebt die Magie des Alltags und hat viel Mitgefühl für alle belebten und unbelebten Dinge. Aber sie würde dem bei Lehrern so beliebten Entwicklungspsychologen Jean Piaget streng widersprechen, dass ihr Animismus sie davon abhalte, die Funktionsweise der Welt zu verstehen und im Widerspruch zu logischem Denken stünde. Sie kann sehr wohl logisch denken, nur mit abstrakten Matheaufgaben hat sie es nicht so. Daher fand ihre Oma bei der Mathenachhilfe mit ihrer Enkeltochter statt gelöster Aufgaben ebenfalls nur einen Zettel vor: „Wer zu viel rechnet, verliert den Sinn des Lebens“, hatte die Siebenjährige darauf geschrieben und war spielen gegangen.
Sollten die Theater noch länger zu haben, kann sie immerhin unseren Lebensunterhalt als Texterin für Glückskekse verdienen.

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