Corona-Chronik,  Kinder

Unser Reichtum

„Kinder, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch“, sagte ich gestern beim Abendessen. Ich hatte einen riesigen Topf Nudeln gekocht, wir brauchten alle etwas Nervennahrung. Zwei kleine Gabeln blieben erwartungsvoll in der Luft hängen, vier blitzblaue Augen schauten mich an.
„Die gute Nachricht ist: Papa und ich gehen den ganzen November nicht auf Tour und haben viel Zeit für euch“, sagte ich. Mäßiger Jubel am Tisch. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Kinder nichts von unseren Sorgen über diesen erneuten Lockdown spüren zu lassen. Meine Eröffnung fand ich schonmal ziemlich gelungen.
„Und was ist die schlechte Nachricht?“, fragt die Siebenjährige.
„Sag: Ihr müsst eure sündhaft teuren Steiff-Tiere zurück geben, weil wir wieder kein Geld verdienen“, flüsterte mir mein böser Zwilling ins Ohr, der das für einen lustigen Halloween-Streich hielt. Natürlich sagte ich das nicht. Halloween fällt ja auch aus. Aber mein böser Zwilling hatte mich so irritiert, dass ich vom geplanten Text abweiche und sagte:
„Wir müssen Papa verkaufen.“
Großer Jubel.
„Kriege ich dann ein Hoverboard?“, fragt die Siebenjährige. Beide Kinder lachten sich kaputt, sogar Friedolin fand es ein bisschen lustig. Er weiß auch noch nicht, dass es stimmt. Ich habe ihn an eine Freundin meiner Mutter verhökert, damit er ihr hilft, die Wohnung auszuräumen. Meine Mutter hat viele allein stehende Freundinnen, wenn sich das rum spricht, kann er vielleicht ein Start-up draus machen. Ich schmeiße nämlich gerade das Geld mit vollen Händen zum Fenster raus.
Mein Leben lang war ich ultra sparsam, aber seitdem wir kaum noch Geld verdienen, habe ich irgendwie das Gefühl, dass es jetzt auch egal ist. Daher auch die Sache mit den Steiff-Tieren. Dazu muss man sagen: Ich habe unseren Kindern noch nie ein Kuscheltier gekauft. Zur Geburt hatte ich ihnen welche genäht. Seitdem haben sie peu à peu die Kuscheltiere meiner Kindheit geerbt, die ich all die Jahre in einer großen blauen Tonne auf diversen Umzügen mit geschleppt hatte. Die Kinder schlossen diese abgeliebten Tiere sofort in ihr Herz, wobei sie oft gar nicht ahnten, dass sie noch aus meiner Kindheit stammen. Ganz ehrlich, wie sollten das Christkind, der Osterhase oder die Schnullerfee auch an meine Tiere gekommen sein? Vielleicht haben die da so ein Syndikat-Ding am Laufen.

Auf Tour waren wir in Rothenburg ob der Tauber in Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf, diesem irrsinnigen Zauberladen, in dem das ganze Jahr über Bescherung ist. Die Kinder liefen mit großen Augen an den überbordend geschmückten Weihnachtsbäumen vorbei, legten den Kopf in den Nacken, um den glitzernden Sternenhimmel zu bewundern und begrüßten jeden Weihnachtsengel mit einem entzückten Jauchzen. Am Ende standen wir vor diesem Regal mit Kuscheltieren. Und der Fünfjährige nahm ein Meerschweinchen in den Arm und die Siebenjährige einen kleinen Dalmatiner und beiden sahen glückselig aus.
„Mama, ich glaub, ich kann das Meerschweinchen nie wieder hergeben“, sagte der Fünfjährige. Die Siebenjährige schaute auf das Preisschild ihres Hundes, ließ die Schultern hängen und stellte ihn zurück ins Regal. Sie hat Geld in der Schule durchgenommen und wusste, dass ihr Taschengeld nicht für so ein Steiff-Kuscheltier reicht. Und plötzlich sah ich mich selbst mit fünf Jahren an der Hand meiner Mutter vor einem Schaufenster stehen, in dem ein kleines Kuschelkaninchen saß. Ich war der festen Überzeugung, dass es furchtbar unglücklich dort war und unbedingt zu mir wollte und weinte bittere Tränen, als meine Mutter mich fort zog. Wochenlang dachte ich an das einsame Kaninchen und dann bekam ich es zu Ostern. Die Freude war groß, aber ich erinnere mich immer noch an den Herzschmerz.
„Wisst ihr was“, sagte ich zu den Kindern. „Schnappt euch eure Tiere, wir gehen zur Kasse.“ Der Fünfjährige jubelte, die Siebenjährige schaute mich ungläubig an.
„Kriegen wir die dann zu Weihnachten?“, fragte sie vorsichtig.
„Aber dann darfst du sie noch nicht in Geschenkpapier verpacken, sonst kriegen sie keine Luft“, sagte der Fünfjährige besorgt.
Ich schaute Friedolin an. Er lächelte. „Ihr habt Mama so viel fürs Radio geholfen, dafür hätte sie euch eigentlich für bezahlen müssen…“, sagte er.
„Stimmt“, sagte ich. „Dann sind jetzt die Kuscheltiere eure Bezahlung.“
Ich lasse mich doch nicht von Corona davon abhalten, unsere Kinder glücklich zu machen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Und wenn ich es genau nehme, sind wir sehr, sehr reich.

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