Nachhaltigkeit,  Urlaub

Strandgut und Meermüll

Die Kinder haben jeder einen Hund. Böse Zungen behaupten zwar, dass sie lediglich zwei vergammelte Arbeitshandschuhe mit Geschenkband hinter sich herziehen. Aber die haben keine Ahnung. Die Hunde heißen Weggi und Weggä. Der Vierjährige ist gut darin Namen zu erfinden, die sich kein Mensch merken kann. Sie sind uns im letzten Dänemark-Urlaub zugelaufen. Wir waren auf unserem täglichen Müll-Sammel-Rundgang im Wattenmeer, als ich den Arbeitshandschuh fand, kurzerhand mit Plastikmüll ausstopfte, mit Geschenkband zuknotete und dem Vierjährigen in die Hand drückte. Eigentlich sollte er mir nur tragen helfen. Ich war schon beladen mit einem Geisternetz und zerrissenen Tüten voller Plastikflaschen, Batterien, Einwegrasierer und Luftballons. Der Vierjährige zog den Handschuh hinter sich durchs Watt, taufte ihn Weggä und war glücklich, endlich einen Hund zu haben. Seine Schwester wollte natürlich auch sofort einen Hund. Zum Glück finden sich im Watt immer genug Arbeitshandschuhe, die von Containerschiffen über Bord gehen. Und Luftballons mit Geschenkband gibt es auch en masse. Luftballons, die bei Feiern mit guten Wünschen in den Himmel geschickt werden und anschließend im im Wattenmeer zur Todesfalle für Seevögel, Schildkröten und anderes Meeresgetier werden. Sie sehen im Wasser treibend wie Quallen aus und werden gefressen. Augen auf beim Partyspaß. Eine schöne Alternative ist fliegendes Wunschpapier. Darauf schreibt man einen Wunsch, zündet das Papier an, es schwebt ein paar Zentimeter glühend durch die Luft, entlässt den Wunsch in den Himmel und zerfällt in Asche. Völlig ungefährlich für Mensch und Tier.
Unsere Kinder sammeln im Urlaub am Strand ebenso gerne Müll wie Bernsteine. Oft gibt es zentrale Sammelstellen, wo es kostenlose Mülltüten gibt, die man dann mit dem gesammelten Müll einfach am Strand stehen lassen kann. Später werden sie dort von Ehrenamtlichen abgeholt.

10 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr im Meer. Wenn jeder Strandurlauber zwischen Dänemark und Bali nur eine Stunde seines Urlaubs dem Müllsammeln widmen würde, könnten wir zumindest den schönen Orten, an denen wir uns erholen, etwas zurückgeben. Beziehungsweise etwas zurück nehmen, was durch unseren rauschhaften Plastikkonsum ins Meer gelangte.
Lange Zeit dachte ich, dass wir Deutschen mit unserem ausgeklügelten Recycling-System nicht für die Verschmutzung der Meere verantwortlich sind. Doch nur rund 16% des im Hausmüll anfallenden Kunststoffes wird in neue Produkte recycelt. Der restliche Müll wird unter anderem nach Asien exportiert, wo er dann oft auf ungesicherten Mülldeponien landet, unkontrolliert verbrannt wird oder eben im Meer landet. Und auch Deutschland verbrennt mehr Müll, als dass es Altes zu Neuem recycelt. Mit jedem Zalando- oder Amazon-Paket landen billigste Materialien in unseren Mülltonnen, die nicht recycelt werden können. Die hochgiftigen Filterstäube aus der Müllverbrennung werden in Salzlösungen verflüssigt und dann zum Beispiel in einem der Bergwerkstollen in Thüringen vergraben. Müll verschwindet nicht.

Am Tag der Abreise hatte ich die müffelnden Hunde-Handschuhe beim Packen des Autos ganz aus Versehen in der Mülltonne vergessen. Wir waren schon auf dem Weg zur Fähre, als der Vierjährige einen Nervenzusammenbruch erlitt und wir umkehren mussten, um Weggi und Weggä zu holen. Seitdem wohnen sie bei uns im Schuppen. So klappt Recycling doch ganz wunderbar.

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