mit Kindern auf Tour

Tempelhofer Regen

Wir stehen mitten auf dem Tempelhofer Feld und ärgern uns, dass wir keine Badesachen eingepackt haben. Ein gewaltiger Wolkenbruch geht über uns nieder, unsere sogenannten Regenjacken sind in kürzester Zeit durchweicht und weit und breit gibt es nichts zum Unterstellen. Nur die Weite des ehemaligen Flughafens, von der in den rauschenden Wassermassen aber nichts zu erkennen ist. Zum Glück sind unsere Kinder hart im Nehmen. Der Fünfjährige zieht seine Schirmmütze tief in die Stirn und den Kopf ein und schiebt seinen Roller stumm durch den kalten Regen. Die Siebenjährige macht sich einen Spaß draus, mit ihren Inlinern alle paar Meter in eine Pfütze zu fallen. Eigentlich wollten wir entspannt mit unserem lieben Kollegen Archie Clapp und seiner Familie von Neukölln über das Tempelhofer Feld nach Tempelhof spazieren. Jetzt fühlt es sich wie ein Kampf gegen die Gezeiten an. Als wir eine Seemeile später triefend an der U-Bahn ankommen und unsere klitschnassen Atemschutzmasken anlegen müssen, wird mir kurz schwarz vor Augen. Ich kriege wegen meiner Nebenhöhlenentzündung immer noch schlecht Luft, die nasse Maske, die sich bei jedem Atemzug an meiner Nase festsaugt, macht es nicht besser.
Aber als wir am Nachmittag zum Soundcheck antreten, kommt die Sonne heraus. Die Kinder hüpfen barfuß über die Bühne und grölen unseren Song: „Alte weiße Männer“. Zum Glück kennt der Ufa-Fabrik Techniker unsere Kinder schon, seitdem sie im Bauch waren und trägt es mit Fassung. Die Kinder lieben es, durch leere Theater zu toben. Zwischen den Stuhlreihen Fangen zu spielen und sich hinter den Molton-Vorhängen zu verstecken. Der Fünfjährige sieht heute zum ersten Mal die ganze Show, wir fangen bereits um 19 Uhr an. Sonst schläft er in der Pause immer schon. Die Siebenjährige war auch mit knapp Fünf zum ersten Mal allein mit bei einem Auftritt. Es war ein lauer Spätsommerabend und als wir um 23 Uhr das Theater verließen, starrte sie mit müden Augen vollkommen verdutzt in den Nachthimmel: „Was ist denn jetzt los?“, sagte sie immer wieder. „Es ist ja ganz dunkel.“ Da fiel mir ein, dass sie die letzten Monate immer bei Helligkeit schlafen gegangen war und sich mit ihren fünf Jahren nicht mehr an den dunklen Nachthimmel erinnern konnte. Wir saßen dann noch lange am Fluss-Ufer und haben in die Sterne geschaut.
Ich liebe es, wenn die Kinder mit auf Tour sind. Dann ist die Welt voller Wunder. Das Tourleben eines Kabarettisten hat an und für sich wenig Glamour, es ist eher wie auf Montage gehen als auf Rock’n’Roll-Tour. Aber mit Kindern im Gepäck wird jede verstaubte Strohente auf der Fensterbank der Pension zur Sensation, jedes nüchterne Hotelzimmer zur Piratenhöhle und jedes noch so kleine Theater zum glitzernden Spiegelzelt. Unsere Kinder erinnern uns immer wieder daran, wie trist das Erwachsenen-Leben wird, wenn wir diesen magischen Blick auf die Welt verlieren.

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