Kinder,  unser Garten

Das Wunderhuhn

Wir verlangen ab jetzt Eintritt für unseren Garten. Weil die Kinder wegen Corona gerade sonst keine Hobbys haben, proben sie für eine Greifvogelschau. Der ortsansässige Turmfalke ist zwar unwillig, aber wozu haben wir denn Hühner. Solange ausreichend Spaghetti im Spiel sind, halten sowohl Kinder als auch Hühner endlose Proben durch. Die Siebenjährige ruft in bester Marktschreiermanier:
„Seht her das Wunderhuhn!“
Dann klettert das Hühnchen auf ihr ausgestrecktes Handgelenk und lauscht dort stolz thronend einem Vortrag über Bisstöter und Grifftöter.
„Der Falke erlegt seine Beute durch einen Nackenbiss.“
Am Ende erbeutet es unter tosendem Applaus eine Nudel im Sturzflug.
Die nächste Attraktion ist unsere Kampfhenne Helene, die sich spektakuläre Zweikämpfe mit riesigen Mutanten-Ratten liefert, die seit ein paar Tagen die Hühnerställe des Dorfes plündern.
„Oma, da war ein Tier, das sah aus wie ein Wildschwein, nur viel kleiner und es ist ganz schnell in den Hühnerstall gerannt“, sagte der Nachbarsjunge dazu. Bei Interesse bieten wir ab jetzt auch Biologie-Homeschooling an.
Dann wäre da noch unser Buntspecht-Küken Knacki, das die Fachwerkbalken unseres Hauses erklimmt, der Stieglitz Petit, der auf bedrohlich schwankenden Distelstängeln balanciert und unsere zahme Amsel Mandarinschnabel, die jeden Morgen so lange schimpft, bis wir ihr Rosinen kredenzen.
Als wir hier einzogen, war der ornithologische Bestand des Gartens recht überschaubar: Amseln, Spatzen, Meisen. Unser Vorbesitzer einen fleissigen Kater und jede Menge Kirschlorbeer, dessen ökologischer Nutzen ja noch unter dem einer Beton-Mauer liegt. Da hatten sich die meisten Vögel nicht in den Garten getraut. Wir haben seitdem viele heimische Gehölze und Bienenweiden gepflanzt und aufgehört, den Rasen zu düngen und zu trimmen. Jetzt wächst dort eine summende Wiese. Und wo viele Insekten, Beeren und Wildblumen sind, finden sich die Vögel ganz von selbst ein. Die Kinder können mittlerweile Heckenbraunelle von Mönchgrasmücke unterscheiden und berichtigen gern Besucher aus der Stadt:
„Das ist doch keine Schwalbe, das ist ein Mauersegler, du Dulli.“ Der einzige Haken an der Sache: ich muss jetzt jede Nacht um 4 Uhr aufstehen und das Fenster schließen. Unsere neuen Mitbewohner beginnen ihr ebenso schönes wie lautes Morgenkonzert nämlich direkt vor unserem Schlafzimmer. Wenn Friedolin im Morgengrauen so lautstark gezwitschert hätte, um mit mir Babys zu machen, gäbe es unsere Kinder heute nicht.

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