Kinder

Das erste Mal

Der Fünfjährige steht am Seeufer und traut sich nicht ins Wasser. Diesen Sommer ist er erstaunlich wasserscheu. Er geht höchstens bis zum Po rein, dann bleibt er stehen und sieht zu, wie seine Schwester davon schwimmt. „Möchtest du es vielleicht einmal ohne Schwimmweste probieren?“, frage ich ihn schließlich. Er überlegt und nickt dann zögerlich. 10 Minuten später taucht er wie ein Seehund durchs Wasser und schwimmt stolz auf mich zu. Am Ende hatte ihn die Schwimmhilfe vom Schwimmen abgehalten. Ich spüre, wie mein Herz weit wird. Wie jedes Mal, wenn die Kinder einen Meilenstein ihrer Entwicklung meistern.
Das erste Mal. Das erste Mal lachen, das erste Mal krabbeln, sitzen, essen, stehen, laufen, sprechen, durchschlafen. Ich weiß noch, wie Friedolin und ich im Bett lagen und glücklich den Atem anhielten, weil unsere Tochter zum ersten Mal früh morgens im Kinderzimmer einfach zu spielen begann, ohne uns vorher zu wecken. Wie sie zum ersten Mal sich und ihrem kleinen Bruder Frühstück machte. Und dabei die Küchenbank mit Sirup verzierte. Wie sie zum ersten Mal an einem dunklen Wintermorgen zum Schulbus ging und sich am Gartentor nicht noch einmal umdrehte, um sich zu vergewissern, dass ich ihr nachschaue.
In zahlreichen nicht-industriellen Kulturen, in denen Kalender keine große Rolle spielen, werden diese Meilensteine gefeiert und nicht die Geburtstage der Kinder. Rituale begleiten den Übergang des Kindes von einem Stadium in das nächste. Auf den Samoa-Inseln gibt es Feste zum „Sitzen des Kindes“, „Stehen des Kindes“ und ganz besonders zum „Gehen des Kindes“. Die Bantus in Südafrika feiern, wenn ein Kind das erste Mal auf seinen Namen reagiert.
Es ist ein bittersüßes Gefühl, wenn wir unsere Kinder auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit begleiten dürfen. Mit jedem ihrer Meilensteine bekommen wir etwas von unserer Freiheit zurück. Gleichzeitig ist jeder Schritt nach vorn ein kleiner Abschied. Eltern sein bedeutet auch, sich zurückzunehmen, die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, ihre eigenen Fehler, auch wenn sie dabei manchmal frustriert oder verzweifelt sind. Wenn wir ihnen immer den Reißverschluss der Jacke schließen oder die Schleife der Schuhe binden, weil wir es mal wieder eilig haben, werden sie umso länger brauchen, es selbst zu lernen.

Ich genieße es, dass der Fünfjährige noch manchmal meine Hand auf unserem abendlichen Spaziergang um das Feld nimmt, es wird nicht mehr lange so sein. Er wird meine Hand loslassen und ich werde mit jedem Schritt lernen, ihn ebenfalls loszulassen.

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