Backstage

Ungeschminkt

„Ich hab dich im Fernsehen erst gar nicht erkannt“, sagt meine Nachbarin. Sie hat mich in der Anstalt gesehen. „Ich mich auch nicht“, sage ich und verschränke meine Arme vor der Brust. Ich habe wieder mal keinen BH an und fühle mich nicht nach Konversation. Ich bin müde, sehe auch so aus und wollte eigentlich nur kurz die Mülltonnen reinholen. Eigentlich wäre aus mir ein guter Promi geworden. Ich sehe geschminkt komplett anders aus als privat. Meine Wimpern und Augenbrauen sind nahezu farblos. Die haben den Verdunklungsprozess meiner restlichen Haare leider nicht mitgemacht. Wobei privat ja nicht bei allen Frauen ungeschminkt bedeutet. Mich faszinieren Frauen, die samstags auf dem Weg zum Brötchenholen aussehen, als hätten sie im Anschluss ein wichtiges Meeting oder ein erstes Date oder wofür auch immer man glaubt, sich aufbrezeln zu müssen. Und sei es das Selbstwertgefühl. Ich sehe samstags um 9:30 Uhr aus, als hätte ich gerade Zwiebeln geschnitten, einen allergischen Schock erlitten und einen Knödel auf dem Kopf. Und laufe in löchrigen Leggins und Schlabberpullis rum. Schließlich habe ich Kinder, die gerne toben und mich vollkleckern, immer irgendwas im Garten zu erledigen und renitente Hühner, die mir auf den Schoß springen. Ich habe diese unsinnige Angewohnheit, meine schönen Anziehsachen für besondere Anlässe aufzuheben. Die sind hier auf dem Dorf aber Mangelware und wenn, dann bin ich overdressed in meinen knallbunten Blutsgeschwister-Kleidern. Also verkümmern sie im Kleiderschrank und riechen langsam nach Jungsfüßen, weil Friedolin immer seine getragenen Socken im Schrankzimmer liegen lässt.
Friedolin ist es relativ gleich, wie ich aussehe. Er hat ein inneres Bild von mir im Kopf, das er nicht täglich mit meinem tatsächlichen Aussehen abgleichen muss. Eigentlich nie. In unserem Alter sind Freundinnen für Komplimente zuständig. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir die Haare kurz zu schneiden, nur um zu testen, ob er es bemerkt.

Meine Großmutter sah noch mit 103 Jahren jeden Tag tadellos aus. Sie lackierte sich die Nägel, zog sich die Augenbrauen nach und hängte sich ihre bombastische Bernsteinkette um. Sie war eine Dame, eine Diva mit bewundernswerter Selbstdisziplin. Wenn ich sie besuchte, dachte ich jedes Mal, ich könnte mir im Alltag vielleicht doch ein wenig mehr Mühe geben. Sie ließ sich niemals gehen, ich glaube deshalb ist sie so alt geworden. Wenn sie klagte, dann nur für einen Tag. Am nächsten riss sie sich zusammen und konzentrierte sich auf die schönen Dinge des Lebens. Wenn ich mich inmitten des Corona-Chaos mal wieder selbst bemitleide, höre ich sie leise summen: Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau. Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau. Dann stehe ich auf, ziehe mir mein schönstes Kleid an und tanze mit den Kindern zu Elvis. Das ist ja wohl allemal ein besonderer Anlass.

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