Corona-Chronik

Im Karussell

Heute bin ich sehr froh, dass die Siebenjährige zu Hause und nicht in der Schule ist. Während ich immer noch flach liege, flitzt sie zwischen meinem Schlafzimmer und dem Garten hin und her, um mir die neuesten Meldungen aus dem Hühnerstall zu überbringen. Noch ist kein Küken geschlüpft. Zwischendurch macht sie einen Boxenstopp in meinem Bett und liest mir schaurige Piratengeschichten von Käpten Knitternbart vor. Mittlerweile ist sie eine so gute Vorleserin, dass ich mir das ganze Geld für Hörbücher eigentlich sparen könnte. Wobei ich vermutlich Ärger mit dem Jugendamt bekäme, wenn ich sie um Mitternacht zum Vorlesen wecke, weil ich mal wieder nicht schlafen kann. Solange ich liege, geht es mir ganz gut. Sobald ich aufstehe, habe ich wieder ein Drehkarussell im Kopf. Zum Glück war ich gestern ohnehin mit einer lieben Freundin verabredet, die Physiotherapeutin ist. Wir haben dann statt Kaffeetrinken auf ihrer Behandlungsliege im Keller fröhliches Knochenschubsen zelebriert, während die Männer im Garten die Kinder beaufsichtigt haben. Und was soll ich sagen? So viele ganze Sätze am Stück konnten wir noch nie miteinander reden, ohne dass ein Kind dazwischen grätschte, weil es Durst hatte oder mal musste oder sich das Knie aufgeschlagen hatte oder nicht wusste, was es spielen soll. Vielleicht sollte ich mir in Zukunft vor gemeinsamen Treffen immer ein paar Wirbel rausgekegeln, dann fühlen sich die Männer zur Abwechslung auch mal zuständig. Noch lieber wäre es mir natürlich, wenn es nicht so weit hätte kommen müssen. Dieser massive Schwindel ist schon beängstigend. Mir ist immer mal wieder schwindelig, aber das vergeht nach kurzer Zeit wieder. Einen ganzen Tag hatte ich das noch nie. Ich konnte gestern weder Essen, noch Kaffeetrinken, was wirklich zeigt, dass es mir nicht gut geht. Kaffee geht sonst immer. Jetzt versuche ich mich daran festzuhalten, dass es wirklich nur die Wirbel und Verspannungen und allgemeine Erschöpfung sind und ich nur noch einen Tag Pause brauche, damit ich wieder fit bin. Ich hasse es, krank zu sein, ohne zu wissen, was los ist. Wenn ich weiß, was es ist, kann ich auch die schlimmsten Schmerzen stoisch ertragen. Wenn ich nicht einordnen kann, was mit mir passiert, neige ich zum Katastrophisieren und sehe mich schon im Krankenhaus am Tropf wegen eines Problems mit dem Innenohr. Von daher ist es wunderbar, dass mein rehbeiniges Mädchen alle halbe Stunde in mein Zimmer gesprungen kommt und mich von meinen düstren Gedanken ablenkt. Dieser ganze Schlamassel ist ein ordentlicher Schuss vor den Bug. Ich muss irgendetwas an meiner Lebenssituation ändern. Aber solange Corona tobt, weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie das gehen soll.

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