unser Garten

Ein Tag voller Sturm

Klaus hat gestern eine ganz schöne Show abgezogen. Erst pfiff und heulte er durch unsere Fensterritzen. Dann jonglierte er mit Donner, Blitz und Sonnenschein. Schließlich zauberte er einen wunderbaren Regenbogen über das Dorf. Die Kinder betrachteten ihn ehrfürchtig von ihrem Fensterbrett.
„Ist das die Regenbogenbrücke nach Asgard?“, flüsterte der Fünfjährige.
„Möglich“, sagte ich.
„Und wie kommen wir da drauf?“
„Heimdall entscheidet, wer die Regenbogenbrücke betreten darf.“
Plötzlich rannte die Siebenjährige los und holte das Telefon.
„Wen willst du denn anrufen?“, fragte ich.
„Unsere Nachbarn. Der Regenbogen endet genau in ihrem Haus“, sagte sie aufgeregt. „Die müssen mal nachschauen, ob auf ihrem Dachboden ein Kessel voll Gold liegt“, ergänzte sie und grinste. Natürlich suchte sie nur nach einem Vorwand, um unser 13-jähriges Nachbarmädchen zu sprechen. Dann heulten wieder ein paar besonders kräftige Böen ums Haus. Wir eilten zu dem anderen Fenster und sahen zu, wie der Wind die großen, efeubewachsenen Tannen unserer Nachbarin niederdrückte. Es krachte fürchterlich und die erste Tanne fiel. Genau auf meinen Ginko-Baum zu. Ich schrie auf, die Kinder gleich mit, aber im letzten Moment blieb sie zum Glück in dem Haselstrauch und dem massiven Zaun hängen, den unsere Nachbarin in jungen Jahren gebaut hatte, damit ihre 20 Katzen den Garten nicht verließen. Dann wurde es still. Der Wind hatte sich urplötzlich gelegt, die Sonne kam raus. Wir liefen in den Garten.
„Bleibt auf dem Rasen“, rief ich den Kindern zu.
„Aber sonst sollen wir doch immer auf dem Kiesweg gehen“, sagte der Fünfjährige verwirrt.
„Sonst hängt über dem Kiesweg ja auch nicht eine 12 Meter hohe Tanne.“
Die große Tanne hatte die kleinere gleich mit gefällt, jetzt hingen beide bedrohlich schwankend über unserem Garten. Das kommt davon, dachte ich mir. Ich weiß nicht, wie oft ich mir gewünscht hatte, dass die Tannen verschwinden. Unser Garten ist durch die vielen Bäume ohnehin so schattig, die großen Tannen raubten uns und meinen Pflanzen die Mittagssonne. Meine sympathetischen Kräfte nehmen langsam beeindruckende Ausmaße an.
„Vielleicht können wir sie morgen vorsichtig mit einem Seil zu Boden ziehen“, schlug Friedolin vor. Ich betrachtete skeptisch meinen Ginko und meinen großen Jostabeerenstrauch, die genau in der Einflugschneise standen. Dann kehrten Sturm und Regen mit voller Wucht zurück und wir flüchteten ins Haus. Also irgendwie wird uns auch im Lockdown nie langweilig.

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