Corona-Chronik

Auf den letzten Metern

Die Tage sind gezählt. Das Guckloch in den Alltag unserer Familie beginnt sich langsam zu schließen. Am 16. März 2020 habe ich den ersten Eintrag veröffentlicht:

Unser 1.Klasse-Schulkind maulte heute früh:
„Ich will nicht Schule machen, es sind Ferien.“
„Das hier sind keine Ferien, das ist Corona. Also, Hefte raus.“
Als der Protest anhielt, sagte ich: „Wir spielen jetzt Schule. Du setzt deinen Ranzen auf, gehst zum Bus, wartest fünf Minuten und wenn du wieder kommst, ist hier die Schule und ich bin die Lehrerin“. Das fand sie witzig und wir haben brav Schule gemacht. Der Haken an der Sache war, dass jetzt alle im Dorf erzählen, Familie Eymess würden ihre Kinder trotz Corona zur Schule schicken, weil sie unsere Tochter an der Schulbushaltestelle sitzen sahen.

Mit dieser kleinen Momentaufnahme kam alles ins Rollen. Ich hatte keine Hintergedanken, keinen Plan. Und schon gar nicht hatte ich erwartet, dass ich ein Jahr lang Geschichten und Gedanken aus unserem Leben im Internet veröffentlichen würde. Für eine immer größer werdende Leserschaft und den noch größeren Hörerkreis von SWR3. In drei Wochen schließt sich der Jahreskreis und damit auch der tägliche Blog. Ihr habt uns durch alle Jahreszeiten und Feste hindurch begleitet, durch großes Glück und kleine Krisen, immer geprägt von dem Schatten, der uns allen seit 11 Monaten das Leben schwer macht. Manche von Euch sind mir sehr ans Herz gewachsen, über die liebevollen Kommentare und Nachrichten, die herzigen Giffs und treuen Likes. Manche kenne ich nur über die regelmäßig aufpoppenden Profilbilder, eure Gesichter sind mir so vertraut, wie die von Menschen, denen man jeden Morgen auf dem Weg zur U-Bahn oder im Hausflur begegnet und die man irgendwann freundlich grüßt. Und dann sind da noch die zahlreichen, stillen Mitleser, auch euch möchte ich für eure Zeit und euer Interesse danken. Ihr alle werdet mir fehlen. Ihr habt meinen zurück gezogenen Alltag in den vergangenen Monaten mit eurer virtuellen Präsenz belebt, eure Kommentare waren der Antrieb für diesen Blog. Und ich hoffe sehr, dass ich manche von Euch im echten Leben kennen lernen werde, wenn das Tourleben wieder beginnt.
Aber langsam wird es Zeit, dass unser Leben wieder nur uns gehört. Dass die Kinder sich wieder in unseren privaten Kokon zurück ziehen können. Ihnen hat die gemeinsame Arbeit fürs Radio und die Ideenfindung für den Blog Freude gemacht, es hat ihnen das Gefühl gegeben, in dieser Krise etwas zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen zu haben. Aber es war immer ein schmaler Grad, der so manches Mal gekippt ist, wenn die virtuelle Familienexistenz mit der echten kollidierte.
Also, drei Wochen haben wir noch miteinander. Danach werde ich nur noch gelegentlich schreiben, die wöchentliche Radio-Kolumne läuft vorerst weiter. Ihr dürft gern noch Wünsche äußern für die letzten Tage. Vielleicht kann ich sie sogar erfüllen. Ich bin zum Beispiel gespannt, ob dieser Friedolin sich auf den letzten Metern doch noch zu Wort melden wird. Die Frage ist nur, wozu. Er liest diesen Blog ja eigentlich nicht. Vermutlich wird er ihn lesen, wenn er alt und sentimental geworden ist und sich während der Lektüre an dieses schrecklich schöne, traurig-fröhliche und in jedem Sinne außerordentliche Jahr zurück erinnern. Ich hoffe, dass ich dann ebenso alt und tattrig neben ihm sitzen und ihn dabei beobachten kann.

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