unser Dorf

Er fiel im frühen Morgenrot

Zwischen Gelächter und Tränen liegt ein schmaler Grat. Dabei hatte der Tag so gut angefangen.
Die Kinder waren vorfreudig durch die verschneite Feldmark zum See gelaufen. Wir zogen die Packschlitten mit den Schlittschuhen, Decken, Tee und Butterbroten hinter uns her und freuten uns über die Wintersonne und die klare Luft. Ein Pferdeschlitten überholte uns, das Pony stieß kräftige Dampfwolken aus seinen Nüstern und der Fünfjährige sagte: „Jetzt atmen wir das Pony ein.“ Die Kinder malten sich aus, wie sie heute noch schneller über das Eis sausen würden.
Dann hörten wir die Kettensägen.
Und das Krachen fallender Bäume.
Und als wir in den Weg zu unserem Pacht-Grundstück einbogen, sahen wir den Berg aus Stämmen und Ästen. „Bitte nicht unser Grundstück, bitte nicht unser Grundstück“, dachte ich und dann sahen wir es: Unsere drei Birken waren gefällt. Unsere Weide war gefällt. Die Büsche zerknickt, der Boden von Ästen übersät. Die Kinder begannen, zu schluchzen. Mir schnürte es die Kehle zu.
„Das können die doch nicht machen! Die müssen uns doch vorher fragen“, sagte ich leise. Friedolin schüttelte traurig den Kopf: „Doch, können sie, wir sind nur die Pächter.“
Ich umarmte die weinenden Kinder und musste an den kleinen Hund Idefix aus den Asterix-Comics denken, der um jeden gefällten Baum herzzerreißend heult. Dann überkam mich die Wut und ich stapfte auf den Harvester und die Holzfäller zu.
„Wieso haben sie denn auf unserem Grundstück die Bäume gefällt?“, fragte ich und versuchte, höflich zu klingen.
„Anweisung vom Verpächter.“
„Aber das war nicht mit uns abgesprochen.“
„Die Bäume waren krank.“
„Die Birken waren gesund, wir haben die doch das ganze Jahr im Blick.“
„Nee, da war Totholz drin, wenn das bei Sturm runterfällt… das ist eine Haftungsfrage.“
„Aber es werden hier immer mehr Bäume gefällt, obwohl die seit Jahren bei Sturm stand halten. Es ist schon so im Sommer kaum noch auszuhalten. Ohne die Bäume wird es noch heißer, der Klimawandel nimmt zu, es gibt noch mehr Stürme und es sterben noch mehr Bäume. Das ist doch ein Teufelskreis!“ Ich wusste, dass ich hier dem Falschen einen Vortrag hielt, aber ich war verzweifelt.
„Ach, die Bäume sterben doch nicht wegen dem Klimawandel. Sondern wegen den trockenen Sommern.“
„Das ist doch der Klimawandel.“
„Sehen sie sich doch mal um, überall Schnee und Eis, ist doch herrlich. Ich sehe hier keinen Klimawandel.“
Entmutigt kehrte ich zu den Kindern zurück. Sie weinten immer noch.
„Wir konnten uns gar nicht verabschieden“, schluchzte der Fünfjährige. Im Sommer hatten wir so gern in die flirrenden Blätter der Birken geschaut. Sie gaben uns Schutz und Kraft, ich erntete im Frühjahr ihre Blätter für Tee und Tinkturen und ein bisschen Rinde zum Räuchern. Jetzt lagen sie zerstückelt da.
„Wir pflanzen neue Bäume“, versprach ich den Kindern. Kurze Zeit später sausten sie lachend über das Eis. Kinder leben ja zum Glück im Moment. Der traurige Moment war vorüber, jetzt war Schlittschuhlaufen an der Reihe. Ich ging allein zurück zu den Baumstümpfen und weinte. Um unsere Bäume. Um unser Paradies. Vor allem aber um die ungewisse Zukunft unseres Planeten. Und unserer Kinder.

Ein Kommentar

  • Wiebke Eymess

    Liebe Ana, das ist so traurig und so wahr, was Du schreibst. Der große Aufstand aus der Mitte der Gesellschaft bleibt leider aus, die Aktivisten stehen immer noch am Rand. Manchmal möchte ich wirklich nur noch meinen Kopf in den Sand stecken…

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