Mamaaa!!!

Wer ist hier zuständig?

„Nein!!!“, die Siebenjährige schreit verzweifelt auf. Aber es ist zu spät, der Fünfjährige hat schon das hinter der Heizung versteckte Bild hervorgezogen.
„Das ist doch mein Geschenk für Mama“, sagt sie mit erstickter Stimme und ich schlage mir schnell die Hände vors Gesicht.
„Ich habe gar nichts gesehen“, beteuere ich.
„Doch, hast du wohl“, schluchzt sie und vergräbt sich unter ihrer Bettdecke.
„Das konnte ich doch nicht wissen“, sagt der Fünfjährige bestürzt.
All meine Tröstungsversuche scheitern.
„Mama, jetzt hast du gar keine Überraschung mehr“, erklingt es traurig und dumpf unter der Decke, „dabei machst du uns immer so schöne Geschenke.“
„Und jedes Jahr an Weihnachten seid ihr mein größtes Geschenk“, sage ich. „Aber über das Bild werde ich mich trotzdem freuen“.
„Du hast es also doch gesehen“, schluchzt sie und vergräbt sich wieder in ihrem Kopfkissen.
Die Siebenjährige ist seit einiger Zeit sehr um mein Wohlergehen bemüht. Was mich einerseits freut: zu sehen, wie aufmerksam, mitfühlend und gebend sie sein kann. Anderseits erfüllt es mich mit leisem Unbehagen. Sie hinterfragt immer stärker unsere Rollenmuster.
„Warum kümmerst du dich um die Geschenke und nie Papa? Warum kommst du immer mit zum Martinslaufen und Papa nicht? Warum erinnerst du dich daran und Papa nicht?“
Ich würde ihr dann gerne sagen, dass mir diese Dinge eben wichtig sind. Aber der Umkehrschluss würde bedeuten, dass es ihrem Papa nicht wichtig ist. Was natürlich nicht stimmt. Er ist nur froh, wenn er die Zeit anderweitig nutzen kann oder hat bestimmt Dinge nicht auf seinem Radar, kann sich besser abgrenzen, seine Antennen einfahren und in seinen eigenen Aufgaben abtauchen.
Wir Frauen und Mädchen lernen ja schon früh, dass wir für das Wohlergehen der Menschen um uns herum verantwortlich sind. Für die Wohlfühlatmosphäre im Zuhause, die Beziehungsarbeit, die Pflege. Natürlich machen wir das gern, eben weil es uns wichtig ist, weil es erfüllend sein kann. Aber manchmal wird es auch zur Belastung. Oft fühlen wir uns so zuständig, dass wir unser eigenes Wohlergehen weit hinten an stellen. Wenn sich in der Vorweihnachtszeit auf unserem Aufgabenberg noch all die Elfen-Arbeiten türmen, die Kinder aber den typischen Vorweihnachts-Magen-Darm-Infekt aus der Kita anschleppen und die Zeit hinten und vorne nicht reicht und wir noch bis spät in die Nacht Weihnachtsgrüße schreiben, Geschenke verpacken, Fotos abziehen lassen, während der Mann auf dem Sofa chipsflixt. Natürlich zwingt uns keiner dazu. Wir könnten uns einfach mit aufs Sofa setzen. Aber dann würde die Oma keine Weihnachtskarte mit Fotos ihrer Urenkel bekommen, über die sie sich den ganzen Winter freut. Die einsame Nachbarin keine Aufmerksamkeit auf ihrer Türschwelle vorfinden. Es wäre leichter, wenn es uns egaler wäre oder den Männern wichtiger. Das verrückte daran ist, dass diese Rollenverteilung nicht in den Genen oder Gehirnen fest geschrieben steht. Wir leben das nach, was unsere Eltern und Großeltern uns vorgelebt haben. Ob sie uns als Kinder in die Verantwortung für bestimmte Aufgaben genommen oder uns wie kleine Prinzen behandelt haben. Deshalb versuche ich immer, den Fünfjährigen zu bestärken, wenn er sich um andere kümmert oder im Haushalt hilft. Und die Siebenjährige zu entlasten, wenn sie sich zu viele Gedanken um die Menschen in ihrer Umgebung macht. Am meisten muss ich aber an mir selbst arbeiten, damit sie erlebt, dass sich auch Mütter mal eine Auszeit gönnen und gut für sich selbst sorgen.
Spät am Abend höre ich nackte Füßchen die Treppe runter tapsen. Die Siebenjährige steht verschlafen vor mir.
„Wirst du dich wirklich noch freuen?“, fragt sie.
„Klar, nun kann ich mich doch doppelt freuen“, sage ich. „Ich habe die Vorfreude, weil ich weiß, dass ich etwas so schönes zu Weihnachten bekomme, und dann noch die eigentliche Freude, wenn du es mir schenkst.“
Erleichtert kehrt sie in ihr Bett zurück. Und ich nehme mir vor, dass ich morgen mal ganz demonstrativ faul und zufrieden mit einem Buch und einer Tasse Tee auf dem Sofa liegen werde.

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