unser Dorf

Mein Nachbar, der Feuerwehrmann

Die Feuerwehrsirene reißt mich aus dem Schlaf. Ich höre die Kinder in ihren Betten rumoren. Der Morgen dämmert in der Ferne. Wie immer, wenn alle zuhause sind, atme ich kurz auf. In den seltensten Fällen ertönt die Sirene auf dem Dach des Feuerwehrhauses, weil es brennt. Häufig sind es schwere Unfälle auf der Bundesstraße, zu denen unsere Feuerwehr ausrücken muss. Die Bundesstraße ist unsere Verbindung zur Außenwelt, zur Schule, zum Kindergarten, zum Supermarkt, zu unseren Familien in der Stadt. Meistens ist es aber einfach Samstag, 12 Uhr und die Funktionsfähigkeit der Sirene wird getestet. Das mussten wir als Zugezogene erst lernen. Anfangs dachte ich noch: Komisch, dass hier immer am Wochenende die Häuser abbrennen.

In der Stadt ertönt keine Sirene, die die Feuerwehrleute zum Einsatz ruft. Doch Fahrzeuge mit Martinshorn hört man häufig. Ob Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr, sie verklingen anonym im Hintergrundrauschen der Stadt. Die Sirene auf dem Dorf ist immer ein kurzer Schreckmoment, sie erinnert einen daran, das gerade jetzt für jemanden etwas Dramatisches geschieht.
Wer hier in der Freiwilligen Feuerwehr ist, muss psychisch stark genug sein, um Schwerverletzte und Tote aus Unfallautos zu bergen. Im schlimmsten Fall sogar Bekannte aus dem Dorf. Der Abschnitt unserer Bundesstraße wird nicht umsonst Todesstrecke genannt. Übermüdete Pendler, Raser, verschmutzte Fahrbahn in den Kurven, Nachtschwärmer, Gründe gibt es genug. Im Osten sah ich auf so einer Strecke mal ein Plakat: „Bitte nicht gegen die Bäume fahren!“ Vernünftige Menschen fahren bei uns am äußersten Rand der Fahrbahn, denn Raser nutzen die Mitte als dritte Spur. Als wir hergezogen sind, habe ich jedes Mal Herzrasen gekriegt, wenn mich so ein Raser an den Rand gedrängt hat. Und dennoch wird kein Blitzer aufgestellt.
Als ich nach dem Frühstück zum Zahnarzt unterwegs bin, ist die Bundesstraße immer noch gesperrt. Eine Tote, drei Schwerverletzte. Ich bin in Gedanken bei den Feuerwehrleuten. Fast alle sind Familienväter mit einem anspruchsvollen Vollzeitjob, zu dem sie nach so einem belastenden Einsatz trotzdem fahren müssen. Es ist mir ein Rätsel, wie die das kräftemäßig schaffen.
Beim unserem ersten Osterfeuer im Dorf fragte mich unser Nachbar von der Feuerwehr:
„Na, wie gefällt’s dir?“
„Mir haben ein paar Funken die Jacke versenkt“, sagte ich gespielt vorwurfsvoll.
„Dann habe ich wohl nicht gut genug auf dich aufgepasst“, sagte er ernst. Ich hatte das eigentlich als Witz gemeint, war aber trotzdem hin und weg. Das ist nämlich das Schöne auf dem Land: wenn dir hier etwas passiert, ist immer sofort ein Nachbar zur Stelle, der dich retten kommt.


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