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Facebook, a.D.

Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hat die Schließung von Minigolfanlagen vorübergehend außer Kraft gesetzt. Das ist doch mal eine gute Nachricht. Ansonsten finde ich alles gerade so frustrierend, dass ich am liebsten streiken würde. Mein altes Leben ist in so weite Ferne gerückt, dass ich es mir nicht mal mehr vorstellen kann. Und damit meine ich nicht die Freizeit- und Kontaktbeschränkungen. Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Ebenso wie an die Masken und distanzierten Begrüßungen. Nein, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, als ich noch wusste, womit ich im nächsten Monat mein Geld verdienen würde. Als meine berufliche und finanzielle Existenz zwei Jahre im Voraus gesichert und das Jahr durchgeplant war. Gerade telefonieren wir täglich mit depressiven Theaterleiter:innen, Veranstalter:innen und Agentinnen, die mürbe und hoffnungslos geworden sind. Von den immerwährenden Verschiebungen, von der fehlenden Planbarkeit, der fehlenden Perspektive. Von den finanziellen Sorgen und mangelnden Alternativen.
Leider bin ich so systemirrelevant, dass es keinen Unterschied machen würde, wenn ich streike.
„Seid ihr eigentlich berühmt“, fragt uns die Siebenjährige manchmal. Sie denkt, weil wir ab und an im Fernsehen oder Radio sind, müssten uns alle in Deutschland kennen.
„Zum Glück nicht“, antworte ich dann immer. Ich wollte nie berühmt sein, das stelle ich mir absolut furchtbar vor. Das ist das Schöne am Kabarettistinnen-Dasein: selbst die Berühmtesten unserer Branche sind in der Gesamtbevölkerung unbekannter als irgendein D-Promi aus dem Container. Schon der Begriff Kabarett sagt den meisten nichts. Wir sind in der Kabarett-Szene bekannt und geschätzt, was sehr schön ist, weil wir in tollen Theatern auftreten dürfen und dann auch wirklich Zuschauer kommen… kamen. Gekommen wären. Gekommen sein würden. Vielleicht sollte ich zumindest auf Facebook streiken. Seit einem Jahr schreibe ich mir die Finger wund, damit Mark Zuckerbergs Imperium noch weiter wächst. Ich schreibe und poste, Facebook bekommt die Werbeeinnahmen. Mir haben sich die Fingernägel hochgerollt, als mir einige von Euch schrieben, dass sie nur meinetwegen wieder so viel auf Facebook unterwegs sind. Ihr wisst aber schon, dass Ihr meinen Blog auch auf meiner eigenen Homepage lesen könnt? Was Euch viel weniger Zeit kosten würde, weil ihr nicht von dem ganzen anderen Facebook-Kram abgelenkt würdet, den ihr eigentlich gar nicht anschauen wolltet? Auf meiner Seite könntet Ihr mich auch auf eine Tasse Kaffee einladen. Und ich könnte dort sozial und ökologisch wertvolle Werbung schalten und meine Einnahmen aufbessern. Aber ich bin so unwichtig, dass die meisten von Euch mich sofort vergessen würden, wenn ich von Facebook verschwände. Weil sie die Erinnerung auf dem Handy dann nicht mehr bekämen. Genau wie all meine virtuellen Freunde mir nur zum Geburtstag gratulieren, weil Facebook sie daran erinnert. Während meine echten Freunde meinen Geburtstag konsequent vergessen. Sie sind mir aber trotzdem lieber. Also, diese Woche streike ich auf Facebook. Nimm das, Mark Zuckerberg und sieh zu, wie du ohne mich reich bleibst!

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