Paar

Warum knutschen Erwachsene eigentlich nicht?

Das fragte ich mich als Teenager oft, wenn ich die ältere Paare um mich herum beobachtete. Sie küssten sich natürlich schon irgendwie, aber mit PBKs, mit Paar-Bestätigungs-Küssen, diese kurzen Schmatzer zur Begrüßung, die eher ein Handschlag mit Lippen als sinnlicher Austausch sind. Einerseits war ich natürlich froh darüber. Wenn alte Menschen, also alle über 25, sexualisiertes Verhalten zur Schau stellen, empfindet der gemeine Teenager dies ja als ebenso unappetitlich wie unnatürlich. Andererseits konnte ich es nicht nachvollziehen. Für mich als hormongeflutetes Übergangswesen war Küssen einer der schönsten Zeitvertreibe, die ich mir vorstellen konnte. Warum sollte man fernsehen, wenn man auch küssen konnte? Wenn einen der Freund fragte: „Wollen wir einen Film gucken?“, war das ja eher Code für: „Wollen wir den ganzen Abend durchknutschen?“
Wenn ich heute ein erwachsenes Paar ausgiebig küssen sehe, denke ich immer sofort: Die sind bestimmt frisch geschieden und haben sich über irgendein Dating-Portal kennen gelernt. Ich denke nie: die sind seit 30 Jahren verheiratet, haben drei Kinder, einen Golden Retriever und ein abbezahltes Endreihenhaus und lassen es heute mal so richtig krachen. Was natürlich mehr über mich als über die knutschenden Alten aussagt. Denn jetzt, da ich selbst zumindest vom Alter her erwachsen bin, stelle ich folgendes fest: Erwachsene küssen sich – zumindest tagsüber – nicht, weil sie a) keine Zeit und b) 1000 andere Dinge im Kopf haben und c) nicht wollen, dass die Kinder sich angewidert abwenden.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Menschen beim Küssen über den Speichel Botenstoffe austauschen und erkennen, ob sie körperlich gut zueinander passen, also gesunde Kinder bekommen können. Manche Forscher vermuten, Menschen küssen, so wie Tiere an den Hinterteilen ihrer Artgenossen riechen, um potentielle Paarungspartner zu erschnuppern. Weil wir aufrecht gehen und bekleidet sind, musste man gezwungenermaßen von unten nach oben ausweichen. Wenn man erstmal Kinder hat, erübrigt sich dieses Prozedere ja.
Aber es gibt viele Gründe, warum man auch noch im hohen Alter lieber Küssen als chipsflixen sollte: Küssen trainiert das Immunsystem, denn wir übertragen dabei 80 Millionen Bakterien. Hirnregionen für depressive Stimmungen werden deaktiviert und das Stresshormon Cortisol vermindert. Menschen, die viel küssen, leben laut Studien länger.
Während ich das schreibe, denke ich, dass ich meinen Mann mal wieder ausgiebig küssen sollte. Immerhin bin ich gestresst und seit Wochen bestimmt auch depressiv verstimmt. Außerdem wäre es schön für die Kinder, wenn ich noch eine Weile lebe. Aber zum Küssen müsste ich ihn erstmal finden. Er ist ja gut darin, am helllichten Tag zu verschwinden. Also mache ich mich auf die Suche. Dabei fällt mir der überquellende Wäschekorb ins Auge, den nehme ich direkt mit runter und stelle eine Maschine an. Dann sehe ich den vollen Mülleimer in der Wäschekammer und mir fällt ein, dass die Tonnen morgen abgeholt werden und noch rausgestellt werden müssen. Dabei treffe ich meine Nachbarin Marita und wir verquatschen uns. Währenddessen schlägt sich der Fünfjährige das Knie auf und möchte verarztet werden. Und plötzlich ist Abend und ich erinnere mich dunkel, dass ich irgendetwas ganz dringendes erledigen wollte, aber mir fällt beim besten Willen nicht mehr ein was.

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