Paar

Die Sache mit der Zahnpasta

Ich habe diese Sache mit der Zahnpasta nie verstanden. Es soll ja Paare geben, die sich deswegen getrennt haben. Weil die Frau die Tube nie gemäß der Tubenentleerungsordnung entleerte. Oder der Mann immer vergaß, hinterher den Deckel auf die Zahnpasta zu schrauben, wodurch die oberen Zahnpastazentimeter verklebten und der Frau als vertrocknete Wurst auf ihrer Bürste landeten. Was die Frau als Analogie auf ihr verkümmertes Sexleben verstand und die Scheidung einreichte. Worte wie „nie“ und „immer“ sind ja grundsätzlich der Anfang vom Ende. Weil man sich von seinem Partner so wenig gesehen und respektiert fühlt, dass all die unerfüllten Bedürfnisse gebündelt auf eine arglose Zahnpasta losgelassen werden. Bisher konnte ich mich über so etwas nicht aufregen. Immerhin wird täglich illegal der Regenwald am Amazonas abgeholzt, im Pazifik schwimmt ein Müllteppich viermal so groß wie Deutschland und auf die Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste werden immer noch Kindersklaven verschleppt. Außerdem haben Friedolin und ich immer genug existentielle Gründe, um uns die Köppe einzuschlagen. Wir arbeiten ja seit 11 Jahren zusammen. Mittlerweile wissen wir beide nicht mehr, warum wir das anfangs für eine gute Idee gehalten haben. Manche Paare sind schon nach einer Woche Urlaub froh, wenn der Partner wieder arbeiten geht. Die Beatles haben sich nach 10 Jahren getrennt, wir kommen aus der Nummer so schnell nicht raus. Dann kam Corona.
Plötzlich fehlen die langen Autofahrten, auf denen wir uns ausgiebig über künstlerische Differenzen anschreien können. Die endlosen Zugreisen, auf denen wir uns im Flüsterton über Gleichberechtigung und Kinderbetreuungszeiten zerfleischen.

Plötzlich rege ich mich wahnsinnig darüber auf, dass er die Klorolle IMMER verkehrt herum aufhängt. Das Leben ist anstrengend genug, da muss ich doch nicht auch noch jedes Mal nach dem Pinkeln das Klopapier von der Wand pulen. Und NIE zerkleinert er die Eierschalen, bevor er sie auf den Kompost wirft. Dann muss ich sie wieder rausklauben und zerkleinern, damit meine Regenwürmer keine Bauchschmerzen bekommen. Ganz ehrlich. Friedolin regt sich bestimmt auch über etwas auf. Aber ich habe keine Ahnung, über was. Er spricht ja nicht. Also muss ich allein das Mantra unserer Unwichtigkeit anstimmen, um die Dinge in ihrer Verhältnismäßigkeit zu sehen: Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste, Klorolle, verdammt, Amazonas, Pazifik, Elfenbeinküste…. Es wird Zeit, dass wir wieder auf der Bühne streiten dürfen.

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