Winter

Adventmorgen

Im Advent hält jeder Morgen ein kleines Wunder bereit. Die Kinder sitzen meist schon hellwach und aufgeregt flüsternd in ihren Betten, wenn ich in tiefer Dunkelheit verschlafen in ihr Zimmer komme. Sie rätseln, welche Überraschung heute in ihren Adventskalendern auf sie wartet, ob es wieder Puzzleteile sind und wenn ja welche oder vielleicht doch etwas ganz anderes? Dann springen sie fröhlich aus den Betten und machen sich auf die Suche nach unserem frechen Weihnachtself. Den „Elf on the Shelf“ haben wir von unserer Nachbarin geschenkt bekommen. Er wandert jede Nacht durch unser Haus und stellt allerlei Unsinn an. Mal sitzt er am Morgen auf dem Nikolausteller der Kinder mit einer Salzbrezel in der Hand, mal ist er das Treppengeländer runter gerutscht und hat dabei einen Tannenzweig abgerissen, einmal hat er sogar meine Ukulele geklaut. Die Kinder lachen sich jedes Mal kaputt, wenn sie ihn entdecken. Und für einen kurzen Moment glaube ich dann selbst an die Magie des kleinen Kobolds. Die Tradition kommt aus Amerika: Der Elf beobachtet, ob die Kinder brav sind und fliegt nachts zum Nordpol, um dem Weihnachtsmann zu berichten. Unser Elf macht zum Glück selbst so viel Unfug, dass er seine Spionagetätigkeit an den Nagel gehängt hat, weil unsere Kinder neben ihm wie die artigsten Engel wirken.
Als nächstes huschen die Kinder zum Adventskalender. Eigentlich möchte die Siebenjährige ohne ihren kleinen Bruder aufstehen. Er darf 45 Minuten länger schlafen als sie, weil sein Bus später abfährt. An normalen Tagen wecke ich sie flüsternd und wir schleichen aus dem Zimmer. Wenn er dennoch aufwacht, ist ihre Laune im Keller, weil ihre ungeteilte Mama-Zeit am Morgen von ihrem krawalligen Bruder gestört wird. Dann streiten sie schon beim Anziehen, weil er sie mit Socken bewirft oder wieder ihre Badematte besetzt. Aber nicht im Advent. Dann weckt sie ihn freiwillig, weil sie unbedingt dabei sein will, wenn er seinen Adventskalender öffnet.
„Sonst sehe ich doch gar nicht, wie er sich freut“, sagt sie. Sie tragen ihre Schätze in die Küche und zünden den Adventskranz an. Während ich Frühstück mache, puzzeln sie einträchtig und freuen sich, wie die verschneite Weihnachtslandschaft langsam Gestalt annimmt. Dann winken wir der Siebenjährigen nach, wenn sie sich mit ihrer Freundin auf den Weg zum Bus macht. Später werden der Fünfjährige und ich mit dem Fahrrad durch das erwachende Dorf fahren und uns über die glitzernde Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn freuen. Die Herrnhuter Sterne erleuchten die alten Bauernhäuser, Lichterketten in allen Formen und Farben schmücken die Tannen, in einem Garten funkelt ein Rentierschlitten, im nächsten blinken blaue Eiszapfen unter der Regenrinne. Wir müssen früh losfahren, weil der Fünfjährige an jedem Garten stehen bleibt und sagt:
„Mama, ist das nicht zauberhaft?“ Zauberhaft ist sein neues Lieblingswort, was mich besonders freut, da es auch das Lieblingswort seiner Urgroßmutter war. Dann warten wir am großen Weihnachtsbaum des kleinen Dorfplatzes (der zwar eigentlich nur der Parkplatz vor der Mehrzweckhalle ist, aber Dorfplatz klingt so viel pittoresker) auf den Kindergartenbus. Alle Kinder des Dorfes haben Weihnachtsschmuck gebastelt, mit Wünschen versehen und an den Baum gehängt. Viele wünschen sich vom Weihnachtsmann, dass Corona endlich vorbei ist. Aber solange der Advent so viel Magie für uns bereit hält, fühlen wir uns von seinem Zauber beschützt und geborgen.

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