Sommer,  Urlaub

FKK

Ich hätte mir doch einen neuen Bikini kaufen sollen, denke ich, während ich mit den Kindern in der Nordsee bade und bei jeder Welle meinen ausgeleierten Badeanzug festhalten muss, damit er nicht Körperteile freilegt, die besser bedeckt bleiben sollten. Hinter uns auf dem Deich schwitzen dicht an dicht die Urlauber. Nach der Weite Brandenburgs überfordert uns diese Menschenansammlung. Dabei sind wir noch nicht einmal an einem der touristischen Hot Spots sondern in Dithmarschen, das vor allem für seine Kohlfelder berühmt ist. Tagsüber verkriechen wir uns im kühlen Haus von Friedolins Großeltern. Abends kommen wir mit der Flut zum überfüllten Deich. Bei so viel Publikum habe ich sicherheitshalber ein Frühwarnsystem installiert.
„Mama, man kann schon wieder deinen Busen sehen“, ruft die Siebenjährige alarmiert.
„Nicht so laut.“
„Aber du hast doch gesagt, ich soll Bescheid sagen, wenn man deinen Busen sehen kann.“
„Ja, aber wenn du so laut Bescheid sagst, hört doch jeder, dass man meinen Busen sehen kann.“
„Das muss man nicht hören, das kann man ja sehen.“
Ich tauche unter. Mein Badeanzug hat mich treu durch zwei Schwangerschaften begleitet, jetzt ist er ähnlich formstabil wie mein Beckenboden. Mit beiden sollte man keine großen Sprünge wagen.
„Warum hast du dir nicht einfach einen neuen Bikini gekauft?“, fragt Friedolin.

Einfach? Friedolin hat gut reden. Nichts an weiblicher Bademode ist einfach. Bikinis sind wie Backrezepte aus der Brigitte, die ja angeblich super leicht nachzumachen sind. Auf dem Foto sehen sie fantastisch aus. In der Realität kann es zu Abweichungen kommen. Meine Torten sehen zum Beispiel immer aus, als hätte sich aus Versehen ein Elefant drauf gesetzt. Zwischen den Tortenböden quillt immer irgendwo Füllung raus. Das trifft auch auf mich im Bikini zu. Badeanzüge hingegen sind wie praktische Kurzhaarschnitte: der endgültige Abschied von der Jugend.
Als wir aus dem Wasser kommen und bei der Dusche am Deich Schlange stehen, entdecke ich den Wegweiser zum FKK-Bereich. Dort liegen drei nackte Rentner und 12 Schafe.
„Wisst ihr was Familie? Wir legen uns woanders hin“, sage ich.
„Warum denn?“, fragt der Fünfjährige misstrauisch. Er hat meinen Blick in Richtung Nacktheit verfolgt. Und da er seit kurzem ein ausgeprägtes Schamgefühl mit sich herum trägt, schwant ihm nichts Gutes.
„Mir wird das zu eng hier auf dem Deich. Man ja gar nicht mehr den Sicherheits-Abstand einhalten. Du kannst deine Badehose ja anbehalten.“
Im FKK-Bereich werden wir in jeder Hinsicht mehr Freiheit haben. Und wo nichts ist, kann auch nichts rausfallen.

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